Bewährungsproben der gewaltfreien Aktion (Ebert)

 

 

 

Bewährungsproben der gewaltfreien Aktion - Erfahrungen und Perspektiven

von Theodor Ebert

Referat bei der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft zur Betreuung der Kriegsdienstverweigerer in Württemberg (EAK) in Stuttgart am 21.11.2002

"Wieviele Divisionen hat der Papst?"

Als ich die Thesen der EAK vom 6.8.2002 "Zur Friedensverantwortung der Kirche"  studiert hatte, erinnerte ich mich an eine Anekdote, die man sich von dem amerikanischen Präsidenten Franklin Delano Roosvelt erzählt. Einige Professoren hatten ihm ihre Ideen zur Lösung eines Problems vorgetragen, in der Erwartung, dass er in ihrem Sinne tätig werde. Er hatte ihnen geduldig und immer wieder mit dem Kopf nickend zugehört. Zum Abschied sagte er zu ihnen: "Meine Herren, Sie haben mich überzeugt. Nun gehen Sie nach Hause und üben Sie Druck auf mich aus."

Ich kann Ihren Thesen zur Friedensverantwortung der Kirche nur zustimmen, aber um noch einen Zeitgenossen Roosevelts zu zitieren: Als man Stalin empfahl, sich doch an die Vorschläge des Papstes zu halten, fragte dieser: "Wieviele Divisionen hat der Papst?"

Nun hätten Anwälte der päpstlichen Vorschläge auf mehr als eine Milliarde Katholiken in der Welt - ich kenne die genaue Zahl nicht - verweisen können und wenn man sich statt auf den Papst auf den Ökumenischen Rat der Kirchen berufen wollte, wäre es ähnlich. Man könnte auf die Zahl der Mitgliedskirchen und der jeweils Gläubigen verweisen. Doch die Frage bliebe immer: Wieweit sind diese Mitglieder für karitative Einsätze und für politischen Druck - und sagen wir es gleich dazu: für gewaltfreie direkte Aktionen - mobilisierbar? Wenn diese Mobilisierungsfähigkeit besteht, dann ist die Kirche ein Faktor im Kalkül der Mächtigen und dann kann es sein, dass diese überraschend einlenken und von ihren - kirchlicherseits missbilligten - Plänen abrücken.

Die Bronzetafel in St. Lamberti

Im September dieses Jahres habe ich mit elf etwa Gleichaltrigen aus meiner Kirchengemeinde am Groß Glienicker See in Berlin-Kladow eine Radtour durchs Münsterland gemacht. Wir haben in Münster auch die St. Lamberti Kirche besucht und wie alle Touristen hochgestarrt zu den drei schmiedeeisernen Käfigen, in denen die zu Tode gemarterten Anführer der Wiedertäufer den Dohlen und Raben zum Fraße ausgesetzt worden waren. Dieser Hinterlassenschaften sogenannter Justiz sind für Christen ein beschämender Anblick. Doch über die Täufer und ihre Geschichte will ich hier nicht sprechen. Etwas anderes fand ich in St. Lamberti wenn nicht interessanter, so doch viel ermutigender. An der Kanzel dieser Kirche am Prinzipalmarkt weist eine Bronzetafel auf drei Predigten hin, die Bischof Clemens August Graf von Galen im Jahre 1941 von dieser Stelle aus gegen die Euthanasiemorde an geistig und körperlich Behinderten gehalten hat. Seine Predigten waren wirksam, weil die Nazis befürchteten, dass eine Festnahme des Bischofs die westfälischen Katholiken mobilisieren würde. In dieser Hinsicht gab es in Westfalen, seit die Preußen hier regiert hatten, einschlägige Erfahrungen. Die Nazis waren wütend, aber sie gaben nach - vorläufig, bis zur Abrechnung nach dem Endsieg, wie sie meinten. Goebbels argumentierte, dass man im Falle einer Strafaktion gegen den Bischof Münster und ganz Westfalen für den Kriegseinsatz "abschreiben" müsse. In Württemberg hat Landesbischof Wurm sich in einem diplomatisch gehaltenen Protestbrief zur selben Zeit an Hitler gewandt und gleichfalls gegen die Euthanasiemorde protestiert, wobei er allerdings - anders als von Galen - auf die vielen evangelischen Pfarrer verwies, die im Felde stünden oder auch bereits gefallen waren.

Der springende Punkt war in beiden Fällen, dass hinter den Protesten - wenn vielleicht auch nur vage - der Hinweis auf die Fähigkeit zu Verweigerungshandlungen stand, welche die Machthaber empfindlich treffen konnten. Für diese acts of omission, wie die Soziologen sagen, gilt: Auch wenn ein moderater Ton angeschlagen wird, hängt die Wirksamkeit der gewaltlosen Proteste an der Entschlossenheit der Protestierenen und an ihrer Festigkeit und Ausdauer. Das sind Proteste nach der Parole "Suaviter in modo, fortiter in re".

Grundfragen der Strategie

Wer sich mit gewaltfreiem Widerstand als politisches Druckmittel befasst, steht im Blick auf bestimmte Situationen vor vier Fragen:

1. Was will ich erreichen?

2. Welche Aktionsmethoden kommen in Frage?

3. Wie steht es um meine Mobilisierungsfähigkeit?

4. Mit welchen Zugeständnissen kann der Gegner leben?

Aus der Antwort auf diese Fragen ergibt sich die Strategie einer Kampagne. Ich kann hier kein Kolleg halten über die Strategie der gewaltfreien Aktion. Als ich in den 90er Jahren zweisemestrige, sechsstündige Trainingskurse in gewaltfreier Konfliktbearbeitung am Otto Suhr Institut anbot, galten vier Stunden praktischen Übungen und zwei Stunden einer Vorlesung über die Strategie der gewaltfreien Konfliktaustragung.(1)

Ich will mich heute Vormittag in erster Linie mit dem Problem der Rekrutierung und Mobilisierung befassen. Diese Aufgabe scheint Pfarrern auf den ersten Blick eher fremd zu sein. Doch wer sich mit dem Leben Martin Luther Kings befasst hat und der - wie im vergangenen Jahr eine Gruppe von Pazifisten, zu denen auch Stefan Philipp und ich gehörten - auf den Spuren Martin Luther Kings durch die USA reiste, der weiß, dass die Southern Christian Leadership Conference auch eine Organisation zur Rekrutierung, Ausbildung und Mobilisierung für gewaltfreie Aktionen war. King hat sich gelegentlich mit einem Tambour Major verglichen. Gewiss, er war vor allem Prediger, wie dies auch Ihr Beruf ist - zumindests an den Sonntagen -, aber seine Predigten, die er bisweilen schnoddrig als pep talks bezeichnete, hatten auch die Funktion zu mobilisieren und die Mobilisierten bei der Stange zu halten.

Die Thesen der EAK zur Friedensverantwortung der Kirche sind eine gute Richtlinie für den Umgang mit denjenigen, die für den Einsatz zu mobilisieren sind. Doch wie soll das angehen? "Suche den Frieden und jage ihm nach!" So Petrus. Motto einer Friedenswoche in den 80er Jahren. Doch: Man kann die Hunde nicht zum Jagen tragen.

Die Frage ist: Woher kommt die Motivation, zum Arbeiter im Weinberg des Herrn zu werden? In Ihren Thesen wird zitiert: "Das Reich Gottes ist Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist." Richtig. Aber wie vermittelt man das im Konfirmandenunterricht, in der Predigt und im seelsorgerlichen Gespräch?

Ich habe dafür auch nicht die sicheren Rezepte. Mir ist es an der Universität auch nur in Einzelfällen und nicht massenhaft gelungen, diese Begeisterung für den gewaltfreien Einsatz unter angehenden Politologen und Lehrern zu vermitteln. Ich war froh, dass ich über 24 Jahre nicht nur in der Gemeinde, sondern auch als Synodaler gewissermaßen zu dieser "Gemeinschaft der Heiligen" in unserer Evangelischen Kirche gehörte. Bei den Heiligen gibt es natürlich auch sodde und sodde, und doch war diese Gemeinschaft sehr wichtig, um immer wieder einen neuen Anlauf zu nehmen, zum Beispiel zur Entwicklung der Konzepte "Soziale Verteidigung" und "Ziviler Friedensdienst".

Diese beiden Konzept hatten einen Charakterzug gemeinsam: Es ging - und es geht noch - darum, aus christlicher Überzeugung eine Lösung zu suchen für die Aufgabe des modernen Staates, für Frieden und Gerechtigkeit zu sorgen. Es geht darum, herauszufinden, was der Christ als Bürger tun kann, um einen wirkungsvollen Beitrag zur Verteidigung demokratischer Errungenschaften und zum Schaffen von mehr Gerechtigkeit zu Hause und weltweit zu leisten. Es geht darum, nach einem Politikmodell zu suchen, das auch von Nichtchristen praktiziert werden kann.

Politik mit der Bergpredigt

Ich werde diese Politikmodelle jetzt nicht im einzelnen darstellen. Darüber habe ich viele Aufsätze und einige Bücher geschrieben.(2) Der springende Punkt ist, dass bei diesen Vorschlägen Christen sich überlegen, wie sie im demokratischen Staat Verantwortung übernehmen können, ohne sich auf gewaltsame Mittel selbst einzulassen oder sie in den Händen von anderen zu legitimieren. Es geht um Politik mit der Bergpredigt.(3)

Letztere kann nur gelingen, wenn es eine ausreichende Zahl von Personen gibt, die sich untereinander verabredet haben, diese Politik zu betreiben. Wenn diese Zahl nicht zusammenkommt, dann bedeutet dies für Christen nicht, dass sie selbst diese jesuanischen Maximen gewaltfreier Politik nicht befolgen sollten. Das sollten sie tun, auch wenn sie den Erfolg nicht vorhersagen können. Doch ihr politisches Ziel sollte es immer sein, Verhaltensweisen vorzuschlagen, die auch von Nichtchristen praktiziert werden können. Das Ziel ist also durchaus eine mehrheitsfähige Politik. Das jesuanische Kontrastprogramm ist kein Programm für die kleine, reine Schar.

Als Politologe habe ich mich gefragt: Wie sieht eine solche Verabredung zur gewaltfreien Politik aus? Es gibt dafür mehrere Modelle. Die Christen haben daran gearbeitet, ihre fragwürdige Volkskirche in eine Friedenskirche zu verwandeln. In den Thesen der EAK wird unter Berufung auf Lohfink von einer "jesuanischen Kontrastgesellschaft" gesprochen. Andere hofften auf eine "Bürgerinitiativbewegung", so der Titel eines wichtigen politikwissenschaftlichen Buches von Peter Cornelius Mayer-Tasch.(4) Diese Bürgerinitiativbewegung sollte den Volkswillen von unten mit gewaltfreien, direkten Aktion zum Ausdruck bringen - auf verschiedenen Gebieten, in ökologischen und in sicherheitspolitischen oder in Menschenrechtsfragen, handele es sich nun um Frauenrechte oder Flüchtlinge. Und wieder andere - und zu einem guten Teil waren es auch dieselben Personen - hofften, dass die Gründung einer Partei auch ein Ausdruck einer solchen Verabredung zu gewaltfreier Politik sein könnte. Ich bin alle drei Wege ein gutes Stück gegangen und halte keinen dieser drei Wege im Rückblick prinzipiell für eine Sackgasse. Besonders bitter aufgestoßen ist mir allerdings die Entwicklung der Grünen als Regierungspartei, aber die hatten es auch schwerer, ihr Versagen wortreich zu vertuschen, worauf sich die Kirchen besonders gut verstehen. Alle drei Wege können nach Rom führen, aber man kann unterwegs Fehler machen, die einen vom Kurs abbringen oder stagnieren lassen.

Ich möchte diese Erfahrungen in den nächsten Jahre gerne aufschreiben. Ich kann sie hier nicht ausbreiten. Ich will nur ein paar Bemerkungen zu den Erfahrungen in der Berliner Kirchenleitung mit dem Zivilen Friedensdienst machen, weil Sie dies vielleicht besonders interessiert und weil ich hier direkt beteiligt war.

Vom Umschlag der Quantität in Qualität

Das Besondere an dem Vorschlag der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, der ich 12 Jahre lang bis 1996 angehört habe, war, dass wir nicht einen neuen kleinen, feinen Friedensfachdienst kreieren wollten, sondern nach einer Alternative zur militärischen und polizeilichen Bearbeitung von Sicherheitsproblemen - gewissermaßen etwas fürs Grobe - suchten. Wir sahen zwar, dass es dann - also bei der Realisierung unserer Pläne - eine Zeit lang ein geregeltes, doch auch konkurrierendes Nebeneinander von gewaltsamen und zivilen Mitteln geben würde. Doch der Sinn des Unternehmens Ziviler Friedensdienst war, dass die gewaltfreien Mittel auf massenhafter Basis eine Chance bekommen sollten, sich als Alternative zu beweisen. Das war die Idee, die zumindest einige in der Kirchenleitung beflügelte. Bischof Martin Kruse hat dies auch unmissverständlich formuliert - und die anderen haben uns dann mehr oder weniger begeistert zugestimmt.

Wir haben uns überlegt: Wie können wir viele Menschen bewegen, sich eine ein- bis zweijährige Ausbildung in gewaltfreier Konfliktbearbeitung angedeihen zu lassen? Vielleicht haben wir in organisatorischer Hinsicht einen unpassenden Vorschlag gemacht, indem wir uns an die allgemeine Wehrpflicht für junge Männer anlehnten. Es gab jedenfalls wenig zustimmende Resonanz. Mehrere pazifistische Verbände schrien vielleicht nicht gerade Zeter und Mordio, weil sie die Wehrpflicht neu legitimiert sahen, aber sie trugen doch sehr viele Bedenken vor, sahen gar die jungen Menschen überfordert. Darüber konnte man ja reden. Das Fatale war aber, dass man sich letztes Endes auf ein Miniprojekt verständigte, das als politische Alternative ein zahnloses Wesen war.

Das prinzipiell Richtige an dem berlin-brandenburgischen Vorschlag war meines Erachtens, dass die dort vorgesehene Ausbildung für den Zivilen Friedensdienst eine große Zahl von Bürgerinnen und Bürgern erfahren sollte. Die Zahl der Ausgebildeten und Mobilisierbaren sollte jedenfalls so groß sein, dass sie ähnliche Aufgaben wie Polizei und Militär anpacken könnten. Die Betreiber des Zivilen Friedensdienstes in der Berliner Kirchenleitung wollten rauskommen aus den kleinen Zahlen der Freiwilligen in den bekannten Nichtregierungsorganisationen. Darum hatten wir vorgeschlagen, dass neben Militärdienst und den bisherigen zivilem Ersatzdienst für Kriegdienstverweigerer als Option der Zivile Friedensdienst eingeführt würde. Die Hoffnung war, dass diese Alternative jährlich von etwa zehntausend Wehrpflichtigen ergriffen würde und dass man dann in entsprechendem Umfang mit der Ausbildung und auch mit groß angelegten Projekten beginnen könnte.

Es gabe viele Einwände und Bedenken und wir haben alle brav dokumentiert, aber es gab eben leider keinen Vorschlag, der die Bedingung der Massenhaftigkeit und der Alternative zu militärischen und polizeilichen Einsätzen ernsthaft vorgesehen hätte.

Ich kann dies hier nicht ausführen. Nur eine Nachbemerkung zum Thema: Alternative zur Polizei, weil Sie dieser Aspekt des Konzeptes möglicherweise sehr befremdet hat. Wir haben uns in der Kirchenleitung - auch durch Exkursionen vor Ort - mit dem Problem des Rechtsextremismus in Brandenburg befasst und wir hatten - auch Innenministern - einleuchtende Gründe für die Annahme, dass man den Rechtsextremismus mit polizeilichen Maßnahmen vielleicht eindämmen, aber die rechtextremen Einstellungen vieler Jungendlicher nicht ändern könne. Wir sahen und sehen noch in dieser Änderung der Einstellungen und der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eine Aufgabe für kundige und couragierte Bürgerinnen und Bürger vor Ort. Ich denke immer noch, dass ein Ziviler Friedensdienst in Brandenburg und Berlin einiges erreichen könnte und ich bin nicht glücklich darüber, dass der Zivile Friedensdienst jetzt nur noch ein Fachdienst für Einsätze im Ausland ist, wobei ich das, was dort inhaltlich gemacht wird, sehr gut finde. Doch der Durchbruch zur gewaltfreien Alternative wird uns auf dem Wege der Auslandseinsätze weniger Fachleute wohl nicht gelingen; ich vermag auch keine entsprechende Theorie zu erkennen. Ich kenne kein Experiment, von dem man sagen könnte, hier wird mit einer ausreichenden Zahl von Personen und entsprechenden Mitteln der Versuch unternommen, Politik mit gewaltfreien Aktionen an Stellen zu machen, wo bisher die Androhung von Gewalt eine ausschlaggebende Rolle spielte.

Training für gewaltsame Konflikte im Alltag

Die Frage ist: Können wir dies durch eine Politik von unten ändern? Welche Möglichkeiten haben das einfache christliche Gemeindeglied, der normale Pfarrer, eventuell auch etwas höhere kirchliche Gremien? Als wir über den Zivilen Friedensdienst verhandelten und dafür eintraten, dass auch in der Zeit des Heranreifens der jungen Menschen Angebote zum Erlernen der gewaltfreien Konfliktbearbeitung gemacht werden, habe ich die anderen Mitglieder der Kirchenleitung gefragt: Wie ist es denn, könnten wir das Training in gewaltfreier Konfliktbearbeitung zu einem wichtigen Bestandteil, gar zum springenden Punkt des Konfirmandenunterrichts machen, auch wenn das spürbar auf Kosten von Martin Luthers Kleinen Katechismus und anderer vertrauter Inhalte geht? In Klammern gesagt, ich habe diesen Kleinen Katechismus hier in der Waldkirche in Stuttgart noch auswendig lernen müssen. Dabei war Pfarrer Pfäfflin ein sehr umgänglicher und weltgewandter Mensch. Auf meine Frage wurde mir in Berlin versichert, hier sei gewaltfreies Training für Alltagskonflikte im Konfirmandenunterricht möglich, ja erwünscht. Dies gelte auch für den Religionsunterricht. Und ich habe dann parallel zu meinen Kursen an der Universität auch einen Trainingskurs mit Berliner Katecheten gemacht. Doch ich muss gestehen, irgendwann war ich erschöpft. Diese Trainings sind anstrengend. Man ist schließlich verantwortlich für die Praxistauglichkeit des Unterrichteten. Ich selbst habe in diesen Kursen viel gelernt und einiges habe ich auch aufgeschrieben. Sie finden es in dem Buch "Ziviler Friedensdienst - Alternative zum Militär". In der Zeitschrift "Gewaltfreie Aktion" wurde immer wieder über Trainingserfahrungen und Experimente berichtet. Jedenfalls ist es ein langer Weg vom erstmaligen Experiment im Training und den lustigen Übungen zur Verhaltenssicherheit in Ernstfall.

Es geschieht nach wie vor manches auf dem Feld der Ausbildung zur gewaltfreien Konfliktbearbeitung. Die Professionalisierung macht Fortschritte. Ich weiß, die meisten Pfarrer und Katecheten trauen sich ein solches Training nicht oder noch nicht zu. Dafür habe ich auch Verständnis, denn man übernimmt ja Verantwortung, wenn man Jugendlichen zu vermitteln sucht, wie sie sich bei Streitigkeiten in der Schule oder auf der Straße gewaltfrei verhalten sollen. Mir haben Teilnehmer im Training gelegentlich berichtet, was man an Prügeln abbekommen kann, wenn man sich auf eine gewaltfreie Intervention einlässt. Häufig geht es zwar gut und auch diese Beispiele sollte man weitererzählen. Doch gewaltfreies Eingreifen oder Widerstehen bleibt gefährlich - auch für trainierte Leute.

An der Universität erhalten angehende Pfarrer und Religionslehrer meines Wissens dafür keine Anleitung. Die Ausbildung der Theologen ist sehr traditionsbewusst; bei den Katecheten sind Neuerungen nicht ganz so schwierig. Dabei böte die geringe Zahl der Theologie Studierenden eine günstige Voraussetzung für Experimente. Doch bislang kam es kaum vor, dass eine Universitätskarriere einen Privatdozenten oder Theologieprofessor mit Training in gewaltfreier Konfliktaustragung in Kontakt brachte. Ich würde mich freuen, wenn ich mich da täuschte. Das Image eines Professors der Gottesgelehrsamkeit ist ein anderes als das eines Trainers und Strategen der gewaltfreien Konfliktbearbeitung. Die einzigen, die ich als auf diesem Gebiet Interessierte kennen gelernt habe, waren Hans-Eckehard Bahr und einige seiner Schüler und Freunde. Das bedeutet, dass sich die evangelischen Christen dieses Wissen autodidaktisch oder in Fortbildungskursen, zum Beispiel bei der Werkstatt für gewaltfreie Aktion Baden, bei der Kurve in Wustrow oder in vergleichbaren Einrichtungen aneignen müssen.

Es ist wichtig, dass man sich dann bei diesen Experimenten wechselseitig bestärkt. Was es zur Zeit gibt, ist noch zu wenig, aber wenn man es vergleicht mit dem, was es vor 20 oder 40 Jahren gegeben hat, dann ist doch ein enormer Zuwachs zu erkennen und man darf hoffen, dass es mal einen Umschlag von Quantität in Qualität geben wird, das heißt, dass es gelingen wird, einige größere Experimente der Ausbildung in gewaltfreier Konfliktaustragung und der Anwendung des Erlernten zu machen. Vielleicht sind Sie auch schon dabei, sich untereinander zu verabreden.

In extremis

Ich möchte heute Nachmittag über das schwierige Thema: Gewaltfreier Widerstand gegen Diktaturen an Hand eines ausgewählten Beispiels sprechen. Das Thema "Widerstand gegen Diktaturen" eignet sich nicht für die Einführung in die gewaltfreie Konfliktbearbeitung. Es wäre Unfug, dazu Trainingseinheiten anzubieten. Doch kann und soll man von historischen Fällen erzählen. Es ist wichtig, dass wir uns auch mit den besonders schwierigen Situationen befassen, weil man nach meiner Erfahrung beim Eintreten für christlich begründete Gewaltfreiheit sofort konfrontiert wird mit dem Hinweis auf Extremsituationen, in denen sich angeblich zeige, dass die gewaltfreien Methoden doch nur von begrenzter Wirksamkeit seien und für extreme Situationen als letztes Mittel, als die berühmt-berüchtigte ultima ratio, das Militär, eine starke Polizei und ein strenge Strafjustiz vorgehalten werden müssten.

Die Schwierigkeit dieses Diskurses besteht darin, dass uns durch den Hinweis auf die Extremfälle das Zugeständnis abgerungen werden soll: Es geht nicht ohne das Militär! Und wenn man dies erst einmal zugegeben hat, dann wird von unsereinem sehr schnell verlangt, dass wir auch den ganzen militärischen Apparat - letzten Endes sogar inklusive Atomwaffen - rechtfertigen und dann auch bereit sind, ihn zu finanzieren. Wer das Militär als ultima ratio akzeptiert, der akzeptiert den gesamten Apparat. Darum braucht man eine umfassende gewaltfreie Strategie, die auch die Extremfälle berücksichtigt.

Zwei Arten der Gewaltlosigkeit

Das Handikap bei allen Forschungen zur gewaltfreien Aktion war bisher, dass diese Methoden in Situationen angewandt wurden, in denen die Widerstand Leistenden über die Möglichkeit, auf legale Weise bewaffnete Gewalt anzuwenden gar nicht verfügten. Dem Mangel und der Not gehorchend griffen sie zu nichtbewaffneten Mitteln, das heißt, es gab in den sogenannten gewaltfreien Kampagnen zwei Gruppen von Personen, die aber kaum zu unterscheiden waren. Es gab diejenigen, die aus prinzipieller Überzeugung Gewaltmittel ausschieden und diese konnten in führender Position sein, weil ihre Überzeugungen etwas mitreißendes hatten und weil sie sich auf die gewaltfreie Strategie besser verstanden als andere. Das galt zum Beispiel für Gandhi und Martin Luther King. Doch es gab und gibt in den sogenannten gewaltfreien Bewegungen immer auch andere, die diese Grundüberzeugung nicht haben, doch aus pragmatischen Gründen zu den momentan erfolgversprechenden gewaltlosen Mitteln greifen. Gandhi hat hier unterschieden zwischen nonviolence of the brave und nonviolence of the weak. Dass man unterscheiden muss ist richtig, aber ich möchte die aus pragmatischen Gründen zu gewaltlosen Mitteln Greifenden nicht als Schwächlinge bezeichnen. Sie haben sich häufig als sehr tapfer erwiesen und es kann geschehen, dass ein Pragmatiker im Zuge der gewaltfreien Aktion zum überzeugten, konsequenten Verfechter dieser Methode wird. Gandhi und King sind auch nicht als Gewaltfreie vom Himmel gefallen.

Das Problem ist, dass Personen, die sich aus pragmatischen Gründen der gewaltlosen Mittel bedient haben, in einer veränderten Situation, insbesondere wenn sie in Regierungsverantwortung gelangt sind, sich auch militärischer Mittel bedienen (können). Wir beobachteten dies nach 1998 bei manchen grünen und sozialdemokratischen Politikern und Politikerinnen. Die Erfahrungen mit gewaltfreien Kampagnen wirken zwar nach, aber sie halten diese Politiker nicht davon ab, in der neuen Position auch Gewaltmittel anzuwenden. Erhard Eppler ist der eloquenteste Apologet dieser Verhaltensweise.

Wie funktioniert Politik mit gewaltfreien Mitteln?

Dieses Problem können wir im Sinne eines konsequenten gewaltfreien Pazifismus nicht dadurch lösen, dass wir in vielen Fallstudien zu vergangenen Kampagnen nachweisen, dass gewaltlose Mittel in den Situationen erfolgreich waren, in denen von vornherein für vernünftig kalkulierende Menschen bewaffnete Mittel nicht in Frage kamen. Die Bedeutung gewaltfreier Mittel in solchen Situationen wird doch kaum noch bestritten. Die Frage ist, wie kann man sich - bereits in der Opposition und im Widerstand - auf die künftige Situation vorbereiten, dass man in Regierungsverantwortung kommt und nun - statt die Gewaltmittel der bislang Herrschenden zu übernehmen - mit gewaltfreien Mitteln regieren soll. Ich habe meinem neuen Buch, dem ersten Band der gesammelten Aufsätze und Vorlesungen zum Thema "Pazifismus. Erfahrungen und Perspektiven für das 21. Jahrhundert" den Titel gegeben "Opponieren und Regieren mit gewaltfreien Mitteln" und das theoretisch Aufregende an dem Buch ist gewissermaßen das Und im Titel: Und Regieren! Wie man mit gewaltfreien Mitteln regieren kann, ist bislang zu wenig bedacht worden. Gandhi hat dies vorgehabt, aber die Unabhängigkeit Indiens kam für ihn in einer sehr ungünstigen Situation. Ihm fehlten die gewaltfreien Divisionen, die den Hindu-Moslem-Konflikt hätten bearbeiten können. Er tat, was er konnte und zur Strafe haben die Hindu-Nationalisten ihn ermordet. Ich kann dies hier nicht vertiefen. Wer die Probleme kennen lernen will, muss sich mit der Zeit vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zu Gandhis Ermordung im Jahre 1948 befassen - und miteinbeziehen, was Gandhi, der einige Gefahren erkannte, schon während des Unabhängigkeitskampfes für die Zusammenarbeit von Hindus und Moslems unternommen hatte. Ich wünschte, ich hätte meinen Reisebericht "Indienreise. Auf der Suche nach Gandhis Vermächtnis" publizieren können. Ich war 1997 acht Wochen in Indien und habe darüber ein vierhundertseitiges Reisetagebuch verfasst. Kein Verleger hat es den deutschen Lesern zugetraut, dass sie sich dafür interessieren könnten. Einen zusammenfassenden Bericht habe ich dem Buch "Opponieren und Regieren mit gewaltfreien Mitteln" vorangestellt.

Mit dem Rückgriff auf Gandhi wollte ich andeuten, dass Gandhi das Problem des Regierens mit gewaltfreien Mitteln ins Auge gefasst hat, aber in seine "Experimente mit der Wahrheit", wie er seine Autobiographie betitelte, nicht mehr einbeziehen konnte. Diese Aufgabe des Übergangs vom gewaltfreien Aufstand zum gewaltfreien Regieren hat sich in den vergangenen fünzig Jahren immer wieder gestellt und leider musste man immer wieder feststellen, dass diejenigen, die mit gewaltlosen Mitteln ihre Staaten gegründet oder verteidigt haben, in der Regierungsverantwortung dann doch wieder zu gewaltsamen Mitteln gegriffen haben. Das liegt meines Erachtens daran, dass sie in der Zeit des gewaltfreien Aufstands an das Regieren mit gewaltfreien Mitteln nicht ausreichend gedacht und auch keine entsprechenden Vorkehrungen getroffen haben. Und sie haben in der Regierungsverantwortung auch nicht sofort alles Erdenkliche getan, um sich - um Stalin zu paraphrasieren - diese mobilisierbaren, gewaltfreien Divisionen zu verschaffen. Das ist mein Hauptvorwurf an die Grünen: Sie haben die Gewaltfreiheit ins Parteiprogramm geschrieben, aber sie haben zu wenig dafür getan, sich in dieser Hinsicht auf die Situation der Regierungsbeteiligung vorzubereiten. Es gab ein paar Leute, die wussten oder ahnten, was da auf sie zukommt. Ich nenne drei mir persönlich bekannte grüne Politiker: Petra Kelly, Roland Vogt und Winnie Nachtwei. Doch diese waren als es ans Regieren ging nicht mehr am Leben oder nicht in der Position, das Erforderliche durchzusetzen. Ich sage nicht: Da ist jetzt Hopfen und Malz verloren. Parteien - wie auch Kirchenleitungen - sind immer ein Resonanzboden für das, was auf sie eintrommelt. Auch die Gutwilligen geben uns den Rat: Geht nach Hause und übt Druck auf uns aus! Das heißt, es muss sich an der Basis etwas verändern, damit sich im Parlament und an den Parteispitzen etwas ändert.

Wie reagieren wir auf die Globalisierung?

Diese Basis auf Gemeinde- oder Ortsgruppenebene gerät aber leicht in Verlegenheit, wenn sie mit globalen Problemen konfrontiert wird. Man tut sich schwer, vor Ort etwas zu unternehmen und es ist machnmal auch sehr schwierig, sich ein Bild der weltweiten Konfliktlagen zu machen. Das Fernsehen serviert uns die Brennpunkte, die wir zu beachten haben, aber wir wissen sehr wenig aus eigener Anschauung. Ich halte es darum für sehr wichtig, dass jede Kirchengemeinde an irgend einer Stelle globale Verantwortung wahrnimmt, also auch Partnergemeinden hat, denen es ganz anders geht als uns. Es ist wichtig, dass es einen zweiten Ort auf der Erde gibt, über den wir besser Bescheid wissen als alle Brennpunkt-Redakteure und alle die Experten, die im Fernsehen auftreten oder in der Presse das Wort erhalten. Diese Kompetenz an einer Stelle relativiert die vielen Auskünfte, die man über andere, vielleicht ähnliche Orte erhält.

Eine Kirchengemeinde, die in einer globalen Welt nur in ihrem eigenen Saft schmort, ist ein Unding. Einer solchen Gemeinde können Terroranschläge Angst machen. Da hat man dann nur noch Angst um seine Privilegien und befürwortet dann vielleicht irgendwelche fragwürdigen, angeblich präventiven Feldzüge gegen den Terror, die irrsinnig teuer sind.

Es ist schon richtig, dass wir unser Augenmerk auch auf Diktaturen richten, in deren Einflussbereich wir vielleicht gar nicht so leicht Partnergemeinden finden können. Ich halte den Weltgebetstag der Frauen für eine sehr gute Einrichtung, weil man sich dann immer jedes Jahr auf ein neues Land konzentriert und übeer dieses solide Informationen erhält. Doch dies brauche ich hier auch nicht auszuführen.

Doch es gibt eben Fälle, die unabhängig von unseren Interessen oder Kontakten auf die Tagesordnung der Weltpolitik gesetzt werden, handele es sich hier nun um Afghanistan oder den Irak. Diese Macht des agenda-setting hat nun mal die amerikanische Regierung. Und dann müssen wir aus gewaltfreier Perspektive eine Antwort parat haben. Wir müssten, wenn von anderen Militärschläge vorbereitet werden, eine gewaltfreie Strategie kennen, mit denen man das Problem auch bearbeiten kann. Damit will ich nicht sagen, dass wir uns immer von der amerikanischen Regierung die Probleme aufdrängen lassen sollen. Wenn wir der Auffassung sind, dass - auch angesichts der Diktatur in Weißrussland - dort etwas für Tschernobyl-Kinder getan werden sollte, dann dürfen wir uns davon nicht abhalten lassen, weil jetzt alle Welt über den Irak und Saddam Hussein - und dieser in der Berliner Tageszeitung "Der Tagesspiegel" in einem Atemzug mit Hitler, Stalin und Pol Pot verglichen wird, was ich übrigens für Unfug halte, denn Saddam Hussein ist zwar ein übler Diktator, der sich mit durch Morde an der Macht behauptet hat, aber im Unterschied zu Hitler, Stalin und Pol Pot hat er keine Millionen ermordet und es ist auch nicht wahrscheinlich, dass er demnächst Nachbarländer mit Krieg überziehen wird. Und im übrigen ist dieser Diktator, als sein Charakter längst bekannt war, vom freien Westen mit Waffen beliefert worden.

Daran müssen wir uns erinnern. Dennoch können wir nicht umhin, uns auch Gedanken über die Frage zu machen, was aus dem Irak werden soll. Und dann kann es durchaus sein, dass wir aufgrund unserer Erfahrungen mit Partnerschaften zu einzelnen Christen und zu Gemeinden in Ländern, die diktatorisch regiert werden, konkrete Vorstellungen davon haben, was für die Menschen im Irak getan werden kann und wie sich unsere Maßnahmen und eventuelle kriegerische Maßnahmen auswirken würden. Unser Kirchenkreis Spandau unterhielt viele Jahre eine Partnerschaft zum Kirchenkreis Kapstadt. Wir kannten also das Apartheid-Regime, aber wir wussten auch, was es bedeuten würde, es militärisch zu bekämpfen und wir wussten, dass unsere Partner in der Kapprovinz einen Guerillakrieg nicht wollten. Und so war ich auch resistent gegenüber allen Parolen von im Exil lebenden schwarzen Südafrikanern in Berlin. Wenn wir solche Kontakte zu christlichen Gemeinden im Irak hätten - und es gibt diese - dann würden wir wahrscheinlich auch unsere eigene Meinung über Boykott dieses Landes und den Krieg gegen den Terror haben.

Wir müssen uns schon Gedanken darüber machen, welche Strategien des gewaltfreien Widerstands es gegen Diktaturen gibt, sei es, dass diese sich bereits etabliert haben, oder sei es, dass diese gerade den Versuch machen, sich mittels eines Staatsstreichs oder einer Intervention von außen durchzusetzen. Das Konzept der Sozialen Verteidigung war entwickelt worden, um eine Demokratie zu befähigen, mittels gewaltfreiem Widerstand eine Okkupation oder einen Staatsstreich abzuwehren. Das ist für Deutschland keine vordringliche Konfliktlage mehr.

Hauptgegenstände der Auseinandersetzung zwischen Militärbefürwortern und Pazifisten sind zur Zeit die etablierten Diktaturen und Militärregime wie im Irak, in Birma, in China. Man könnte die Reihe lange fortsetzen. Da stellt sich die Frage, ob und wie man mit gewaltfreien Mitteln eine einheimische und hoffentlich auch gewaltfreie Opposition unterstützen kann. Und dann kommt es eben auch vor, dass Regime, die sich intern demokratisch legitimieren, gegenüber Nichtmitgliedern ihres Staates oder ihrer privilegierten Gruppe als Okkupanten auftreten und elementare Menschenrechte verletzen. Ich denke hier an die israelische Besatzungs- und Siedlungspolitik. Es gibt autoritäre Regime, die teilweise demokratisch sind, aber gegenüber Minderheiten, die nach Unabhängikeit oder einem erweiterten Autonomiestatus streben, sehr repressiv vorgehen. Das war im Kosovo der Fall. Und im Augenblick denke ich hier an Tschetschenien und an die Lage in Sri Lanka. Und es gibt viele ähnliche Fälle. Gemeinsam ist ihnen allen, dass man für sie nicht so leicht eine gewaltfreie Strategie entwickeln kann und dass man schon gar keine einsatzbereiten Gruppen zur Hand hat.

Partnerschaften von Kirchengemeinden

Wir können uns nicht mit all diesen Staaten, für die spezielle gewaltfreie Strategien gesucht werden, befassen, aber wir müssten es eigentlich, wenn wir denn von Zeit zu Zeit emphatische, theologisch fundierte Erklärungen zur Friedensverantwortung der Christen und unserer Kirche abgeben. Keiner von uns kann sich um alle diese Konflikte kümmern. Doch wenn in Kirchengemeinden die Solidaritätsinitiativen überhaupt eine gewisse Rolle spielen, wird sich allmählich doch ein gewisses Know-how ansammeln und es wird Kontakte in solche Krisengebiete geben, die uns in Stand setzen mehr zu wissen und besser mitzuempfinden als durchschnittliche Zeitungsleser und ad hoc auf Brennpunkte gelenkte TV-Konsumenten. In meiner Kirchengemeinde gibt es neben einer nunmehr schwächelnden Südafrika-Partnerschaftsgruppe und der Unterstützung eines Projekts für Straßenkinder in Uruguay seit mehr als zehn Jahre eine zwanzig Personen - genau gesagt 18 Frauen und zwei Männer - umfassende Gruppe, die im Sommer für drei Wochen 20 Kinder aus Minsk einlädt, die durch den Reaktorunfall von Tschernobyl geschädigt wurden. Eine solche Gruppe opponiert nicht gegen das autoritäre Regime von Lukaschenko; sie pflegt sogar gewisse Kontakte zu staatlichen Stellen, zum Beispiel zum Botschafter Weißrusslands in Berlin. Doch die vielfältigen, friedlichen, humanitären Kontakte haben auch eine positive Auswirkung auf das Land. Es kann sein, dass dies eines Tages von ähnlicher Bedeutung sein wird wie die vielen Partnerschaften, die zwischen Kirchengemeinden in der DDR und in Westdeutschland bestanden haben.

Diese Problematik will ich heute Nachmittag wieder ansprechen. Dies war nur ein Vorblick, damit nicht der Eindruck entsteht: Bei der Ausbildung zur gewaltfreien Aktion geht es nur um die Alltagskonflikte, über die wir bei der Einführung in die gewaltfreie Konfliktaustragung sprechen, z. B. die Abwehr ausländerfeindlicher Handlungen in öffentlichen Verkehrsmitteln oder die Auseinandersetzungen auf dem Schulhof, die zu eskalieren drohen.

Was tun gegen die Angst vor Terroranschlägen?

Zum Abschluss unserer ersten Runde am heutigen Vormittag möchte ich aber jetzt noch ein Problem ansprechen, das mir besonders akut zu sein scheint und von einem Tag zum anderen zum beherrschenden Thema werden kann. Ich meine die Angst vor Terroranschlägen, die sehr schnell zu einer allgemeinen Angst werden kann. Es wird befürchtet, dass sich etwas Ähnliches wie der Anschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September vergangenen Jahres in Deutschland wiederholen könnte. Und dies ist möglich. Moderne Industriegesellschaften sind verletztlich, und es gibt Methoden, die mit sehr einfachen Mitteln spektakuläre Schäden verursachen und viele Menschen töten können. Ich denke zwar nicht, dass Terroristen so Schäden anrichten können, die den Kosten von Kriegen entsprechen, aber seit dem 11. September geht die Angst um vor Terror. Und darum müssen sich auch die Christen fragen, wie sie mit dieser Bedrohung durch den Terror umgehen sollen.

Was sollen wir denn als Nächstes tun? Es ist durchaus möglich, dass es demnächst einen Terroranschlag in Deutschland gibt, ähnlich dem Angriff auf das World Trade Center, den Attentaten in Djerba und Bali oder der Geiselnahme in dem Moskauer Musicaltheater. Wenn etwas Vergleichbares in Berlin oder Stuttgart passiert, dann ist zu befürchten, dass die Sicherheitsbedürfnisse viele vernünftige Bestrebungen nach mehr sozialer Gerechtigkeit und nach gewaltfreien Alternativen platt machen werden. Da muss uns Israel ein warnendes Beispiel sein. Die pazifistische Strategie müsste dort sein, einseitiges Aufkündigen aller Vergeltungsmaßnahmen und stattdessen Hilfe für die Not leidenden Palästinenser. In der Situation Israels ist "die andere Wange hinhalten" und eine "zweite Meile" gehen ungeheuer schwierig, aber es ist die einzige Möglichkeit, die Gewalteskalation zu durchbrechen und die gutwillilgen Palästinenser zu stärken. Wir sind in Deutschland noch nicht gefangen in dem Teufelskreis von Gewalt und Vergeltung. Wir können uns noch auf das einstellen, was uns droht.

Nach dem 11. September haben einige kluge Leute, allen voran Bundespräsident Johannes Rau die Bibel zitiert: Die Frucht der Gerechtigkeit wird Frieden sein. Im globalen Vergleich gehören wir zu den extrem Privilegierten. Wir müssen mehr tun, um in vielerlei Initiativen auf Gemeindeebene für mehr Gerechtigkeit zu wirken. Das können wir auch tun und das schlägt uns auch niemand aus der Hand, keine Terroristen und auch keine Steuererhöhung oder sonstige Einkommensminderung. Ich denke, dass diese Netzwerke, von denen eines diese Initiativen für Tschernobyl-Kinder in mehreren Berliner Bezirken sind, eine Alternative darstellen zu dem reinen Sicherheitsdenken. Man lernt dabei zum Beispiel in Gomel und Minsk Familien kennen, die unter sehr viel schwierigeren Bedingungen als unsereins leben und gar nicht immer unglücklich sind, sondern bei Besuchen erstaunliche Qualitäten als Gastgeber an den Tag legen. Auch von meiner Indienreise, auf der ich einige Internate und Schulen besucht und Ashrams in der Nachfolge Gandhis besucht habe, bin ich nicht deprimiert zurückgekehrt. Ich habe Elend gesehen - in den Großstädten - und Armut auf dem Lande, aber auch viele Initiativen, die zeigen, dass man mit sehr bescheidenen Mitteln viel erreichen kann. Und das sollten Kirchengemeinden tun und sich von der Angstmacherei und der Schwarzseherei in den wirtschaftlichen Angelegenheiten nicht anstecken lassen. Auf der privaten Ebene gibt es noch sehr viel Spielraum, sich für mehr Gerechtigkeit zu engagieren. Wir sind alle verletzlich, so wie wir sterblich sind. Doch die Christen sollten zeigen, dass sie keine Angst haben, sondern an ihren Projekten festhalten und auch noch die Kraft haben, die erforderlichen neuen anzupacken.

Anmerkungen

1 Auszüge aus diesen Vorlesungen in Th. Ebert: Ziviler Friedensdienst - Alternative zum Militär. Grundausbildung im gewaltfreien Handeln, Münster: Agenda, 1997, S. 47-75 und in Th. Ebert: Opponieren und Regieren mit gewaltfreien Mitteln, Münster: LIT, 2001, S. 105-124; 143-238.

2 Bibliographie im Anhang zu Th. Ebert: Militärische Gewalt als ultima ratio? Pazifistische Positionen in der aktuellen Diskussion, Minden: Bund für Soziale Verteidigung (Schwarzer Weg 8, 32428 Minden), 2002, S. 64-82

3 Mit der Bergpredigt regieren? In: Th. Ebert: Ziviler Friedensdienst, a.a.O., S. 287-315

4 P. C. Mayer-Tasch: Die Bürgerinitiativbewegung. Der aktive Bürger als rechts- und politikwissenschaftliches Problem, Reinbek 1976

 

Prof. Dr. Theodor Ebert, geb. 1937 in Stuttgart, lehrt seit 1966 Politische Wissenschaft am Otto Suhr Institut der Freien Universität Berlin. Er war von 1972-1984 Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland und von 1984 bis 1996 Mitglied der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg. Mitherausgeber von Gewalfreie Aktion. Vierteljahreshefte für Frieden und Gerechtigkeit.