Taugt die gewaltfreie Aktion auch zum Widerstand gegen Diktaturen?
Eine Untersuchung am Fall Bonhoeffer
Von Theodor Ebert
Vortrag bei der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft zur Betreuung der Kriegsdienstverweigerer in Württemberg (EAK) in Stuttgart am 21.11.2002
Auf der Suche nach einem Widerstandskonzept
Im Blick auf den Irak und seinen Diktator Saddam Hussein wird diskutiert, ob zur Bekämpfung eines solchen Diktators, der möglicherweise Massenvernichtungsmitteln bereitstellt, um sich an der Macht zu halten, militärische Mittel erlaubt sind. Besser wäre es sicherlich, wenn eine solche Diktatur sich mit gewaltfreien Mitteln überwinden ließe. Um eine solche Strategie zu entwickeln, müsste man über den Irak mehr wissen als dies unter deutschen Pazifisten der Fall ist. Ich kann auch keine konkreten gewaltfreien Maßnahmen empfehlen. Man muss diktatorische Regime sehr genau kennen, um die Ansatzpunkte für gewaltfreie Aktionen ausmachen zu können. Wahrscheinlich sollte man diese dann auch nicht als Widerstandsmaßnahmen bezeichnen. Es gehört zum Wesen der Diktatur, dass sie den Anschein zu erwecken sucht, alles zu kontrollieren und die Bevölkerung hundertprozentig auf ihrer Seite zu haben. Dies entspricht zwar nie der Realität, aber es ist sehr schwer, von außen die Schwachstellen des Systems bzw. diejenigen Bereiche zu erkennen, in denen Abweichungen von der Konformität nicht sanktioniert werden und sich darum so etwas wie ein eigentständiges kulturelles und politisches Verhalten entwickeln kann.
Wer unter einer Diktatur lebt, wird diese Stellen erkennen, wenn er nach ihnen sucht. Es kann ihm passieren, dass er dann doch repressiven Maßnahmen zum Opfer fällt, aber dies geschieht unter Umständen erst, nachdem er einiges unternommen und das eine oder andere bewegt hat. Und es kann auch geschehen, dass das Zusammenwirken mehrerer solcher nicht systemkonformer, doch geduldeter Verhaltensweisen zu einer Änderung des politischen Klimas und schließlich zu einem Systemwechsel führen, der die Form eines gewaltfreien Aufstandes oder auch eines allmählichen Wechsels annehmen kann. Was auch immer an Oppositionellem bzw. Systemtransformierendem getan wird, es dürfte von Menschen getan werden, die im System leben und über intime Kenntnisse des Systems verfügen.
Dies ist eine sehr allgemeine Überlegung, die ich aus dem Studium mehrerer Diktaturen und der Widerstandsaktionen gegen sie ableite. Ich denke, dass diese allgemeinen Überlegungen auch auf den Irak zutreffen. Ich kann sie aber am Beispiel Irak nicht konkretisieren, weil mir die intimen Kenntnisse fehlen.
Um nun aber dem Argument zu begegnen, dass gegen etablierte, brutale Dikatatoren vom Schlage Saddam Husseins nur militärische Mittel zu helfen vermögen, will ich mich im folgenden exemplarisch mit dem Fall Dietrich Bonhoeffers befassen. Wir verfügen hier über intime Kenntnisse der Person, ihres sozialen Umfelds, und die Diktatur Adolf Hitlers ist in den letzten Jahrzehnten gründlicher erforscht worden als jede andere Diktatur, welche die Erde gekannt hat. Und diese Kenntnisse sind im deutschen Volk auch relativ weit verbreitet. Man kann also am Fall eines Angehörigen des Widerstands gegen das Nazi-Regime einige Grundsatzprobleme des gewaltfreien Widerstands gegen Diktaturen studieren. Man lernt an solchen Fallstudien nicht einfach die Rezepte für erfolgversprechenden gewaltfreien Widerstand, aber bekommt durch solche Studien allmählich einen Blick für die Ansatzstellen, die sich dem gewaltfreien Widerstand in anderen Systemen bieten könnten.
Wenn es heutzutage darum geht, Diktaturen zu bekämpfen, dann bieten die Gegner dieser Diktaturen ihre Geheimdienste auf. Das gilt sicherlich auch für den Irak. Wir erfahren darüber wenig. Mir wäre daran gelegen, dass Menschen mit gewaltfreien Grundhaltung durch solche Länder so offen wie möglich reisen, ihre Beobachtungen machen und uns diese öffentlich mitteilen. Ich habe auf der langen Fahrt von Berlin nach Stuttgart einige Gedanken zu dieser Thematik aufgeschrieben, doch ich möchte sie hier nicht vortragen, weil ich sie noch systematisiert und mit den analogen Gedanken Gene Sharps zum Widerstand gegen Diktatoren noch abgeglichen werden müssten.(1) Wer sich für diese ersten Überlegungen interessiert, kann sie im Anhang nachlesen. Zudem habe ich vor drei Jahrzehnten in einem Nachwort zu Rolf Italiaanders Sammelband "Diktaturen im Nacken" mich mit der Frage befasst: Was tun gegen Diktaturen?(2)
Bonhoeffer als Zeuge für George W. Bush?
Ich will diese Frage jetzt streng beschränkt auf den Fall Bonhoeffer untersuchen. Das ist einerseits in grundsätzlicher Hinsicht lehrreich, andererseits aber auch dringlich, weil Bonhoeffer immer wieder zitiert wird, wenn es darum geht militärisches Eingreifen zu rechtfertigen, sei es vom früheren Fraktionsvorsitzenden der SPD und jetzigen Verteidigungsminister Struck oder gar vom amerikanischen Präsidenten Georg W. Bush bei einer Rede im Deutschen Bundestag.
Es geht darum, einen Märtyrer des Widerstands gegen das Böse und einen Ex-Pazifisten für den eigenen militärischen Kampf gegen das Böse in Anspruch zu nehmen. Dieses Verfahren ist erfolgversprechend, weil Bonhoeffer ins Umfeld derjenigen gehört, die das Hitlerregime durch einen Staatsstreich zu beseitigen suchten. Bonhoeffer wird dadurch zum christlichen Kronzeugen für den Tyrannenmord und die militärische Gewalt als ultima ratio.
Der kritische Punkt ist Bonhoeffers Entscheidung, sich im Umfeld des Amtes Canaris den Verschwörern anzuschließen und an der militärischen Beseitigung des Hitler-Regimes und an der Durchsetzung eines neuen politischen Systems mitzuarbeiten. Bonhoeffer hat dies nicht unter Berufung auf die Lehre Jesu begründet und er hat kritisch von Schuldübernahme gesprochen, aber da er als Märtyrer der Kirche eben doch eine Art Vorzeigechrist ist, gilt sein Tun so gemeinhin als christlich gerechtfertigt.
Wenn wir in der Beschäftigung mit Bonhoeffer in der Friedensethik weiter kommen wollen, genügt es nicht, wenn wir seine pazifistischen Positionsbestimmungen - zum Beispiel die Andacht in Fanö, die im Titel unserer Tagung zitiert wird -, zustimmend aufgreifen. Wir müssen Bonhoeffers Entscheidungsprozess und das heißt seine Entwicklung vom (theoretischen) Pazifisten zum (praktischen) Verschwörer und (potentiellen) Mit-Attentäter noch einmal kritisch verfolgen und uns fragen, wie wir diesen Weg heute einschätzen und welche Schlussfolgerungen wir heute im Blick auf unsere Verantwortung für kommende Generationen ziehen. Dies will ich im Folgenden tun. Ich will im Blick auf die historische Situation nach den pazifistischen Alternativen fragen, die für Bonhoeffer bestanden hätten und die zumindest auch zu verantworten gewesen wären, wenn man das Ziel hatte, Hitler effektiv an der Fortsetzung seiner Verbrechen zu hindern, also dem Rad in die Speichen zu greifen oder es auf andere Weise zu bremsen. Im Zusammenhang mit dem Einsatz des Zivilen Ungehorsams wird unter Berufung auf Thoreau häufig das Bild vom Sand im Getriebe gebraucht. Letzteres Bild hat den Vorteil, dass es nach keinem Herkules ruft, sondern den vielen Einzelnen und glichen sie auch verschwindend kleinen Sandkörnchen eine das Rad der Geschichte beeinflussende Funktion zutraut.
Legitimität von Wenn-Fragen
Es geht also um eine Wenn-Frage an die Geschichte. Was wäre geschehen, wenn die Akteure, deren tatsächliches Handeln wir aus der Geschichte kennen, anders gehandelt hätten? Was hätte ein Bonhoeffer tun können, wenn er bei der ursprünglichen Absicht geblieben wäre, wie ein Gandhi nach gewaltfreien Methoden des Widerstands gegen das Hitlerregime zu suchen? Hätte er diese Möglichkeit mit den Vikaren in Finkenwalde erörtern und trainieren können?
Ich habe viele Semester Geschichte studiert, bevor ich dann kurz vor dem Abschlussexamen zur Politischen Wissenschaft überwechselte. Einer der Gründe für den Wechsel war, dass Wenn-Fragen in der Politologie legitim, unter Historikern jedoch tabu sind. Die Aufgabe der Geschichtsschreibung ist es zu erklären, warum Menschen in der Vergangenheit so und nicht anders gehandelt haben. Dabei wissen wir doch als Individuen aus der Rekonstruktion eigener Entscheidungen, dass es immer mehrere Möglichkeiten gibt und dass wir darum auch für die Folgen unserer prinzipiell freien Entscheidungen Verantwortung tragen. Und wir wissen auch, dass winzige Änderungen weitreichende Folgen haben können und dass es Situationen gibt, von der Entscheidung eines Einzelnen sehr viel abhängt.
Es ist zwar honett, sich bei der Beobachtung der Handlungen anderer zunächst einmal darum zu bemühen, es zu verstehen, warum diese vielleicht anders gehandelt haben, als wir uns dies gewünscht hätten. Doch wenn es um die Verantwortung für kommende Generationen geht, dann muss man auch überlegen, welches denn die Folgen der dubiosen Entscheidungen waren und welches wahrscheinlich die Langzeitfolgen der von uns gewünschten Handlungen gewesen wären.(3)
Ich möchte solche Wenn-Fragen im Folgenden auch an das Handeln Bonhoeffers richten und auf pazifistische Alternativen hinweisen, auch wenn ich diese Szenarien dann im Rahmen dieses Vortrags nicht in allen Details durchspielen kann. Wenn ich dabei gelegentlich erörtere oder andeute, warum Bonhoeffer diese Alternativen nicht wahr genommen hat, wird sich abzeichnen, in wie hohem Maße Bonhoeffer vom jeweiligen Milieu, von seinen Bezugsgruppen und deren Wertesystem geprägt war, auch wenn man seinen christlichen Glauben als Konstante festhalten darf. Da wir heute in einer anderen Umwelt leben und mit anderen Menschen verkehren, können wir auch anders handeln als ein Bonhoeffer. Das heißt, es gibt heute eine pazifistische Praxis, die er vielleicht ahnte und suchte, die sich ihm jedoch nicht eröffnete und für die er in seinem nahen Umfeld keine ausreichenden Anregungen bekam und für die er keine hinlängliche Unterstützung fand.(4)
Ich beginne mit Bonhoeffers Andacht bei der ökumenischen Versammlung auf der Insel Fanö am 28. August 1934.(5) Auf diese Andacht ist die deutsche Friedensbewegung in den 80er Jahren zurückgekommen, weil Bonhoeffer darin auch ein Friedenskonzil der Kirchen der Welt vorgeschlagen hat. Bonhoeffer sagte, die Weltchristenheit müsse an alle Völker das frohmachende Wort vom Frieden richten, - frohmachend, "weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet..." Da könnte man ja nun sagen: Das sind die Sprüche, die man - heute, damals nicht! - von den Kirchen so kennt, die auf Kirchentagen und während der jährlichen Friedensdekaden schön klingen, aber im Ernstfall keine praktischen Konsequenzen haben. Wenn man jedoch die Bonhoeffersche Andacht in Fanö genau liest, stößt man auf eine interessante Frage, der nachzugehen sich lohnt.
Da gibt es eine für das Jahr 1934 außerordentlich aufregende politologische Fragestellung. Bonhoeffer macht zunächst auf biblischer Basis eine dogmatische Aussage und stellt dann - selbstkritisch - seine Frage. "Kämpfe werden nicht mit Waffen gewonnen, sondern mit Gott. Sie werden auch dort noch gewonnen, wo der Weg ans Kreuz führt." Dieser doppelte dogmatische Vorsatz ist ein Kondensat des Alten Testaments und des Neuen Testaments. Im Alten Testament wird die ausschlaggebende Bedeutung des Vertrauens auf Gott betont. Ich zitiere den Propheten Hosea, der den Israeliten folgendes Gebet empfiehlt: "Wir suchen nicht mehr Hilfe bei den Assyrern, wir vertrauen nicht mehr auf unsere Pferde und Streitwagen, wir wollen nicht mehr das Machwerk unserer Hände als unseren Gott anrufen! Denn du hast Erbarmen mit dem, der keinen Beschützer hat." Das war 1983 das Motto der Friedenswoche in dem schutzmachtbesessenen West-Berlin. Und zu Bonhoeffers Theologie der "Nachfolge" gehört, dass im äußersten Falle auch das, was als brutale Unterdrückung eines Volkes beginnt, nicht zur endgültigen Niederlage werden muss, sondern sich in einen Erfolg der zunächst Unterdrückten verwandeln kann.(6)
Das sind vorerst dogmatische, also wegweisende Aussagen. Doch solcher Glaube muss nun jeweils gelebt, also im politischen Alltag umgesetzt werden. Und im Blick auf dieses Problem der operativen Umsetzung des Glaubens stellt Bonhoeffer seine aufregende Frage: "Wer von uns darf denn sagen, dass er wüsste, was es für die Welt bedeuten könnte, wenn ein Volk - statt mit der Waffe in der Hand - betend und wehrlos und darum gerade bewaffnet mit der allein guten Wehr und Waffe den Angreifer empfinge?" Er gibt auf diese Frage in Fanö keine Antwort. Er hat sie 1934 auch noch nicht beantworten können. Er nimmt sich damals erst vor, nach einer Antwort zu suchen. Er plant eine Reise zu Gandhi nach Indien, um vor Ort die Wirksamkeit gewaltfreier Kampftechniken zu studieren.
Auf der Suche nach einer Antwort
Bonhoeffer kam nicht mehr dazu, diese Frage zu beantworten, weil er die Indienreise aufgegeben hat zugunsten der Ausbildung von Vikaren der Bekennenden Kirche im Predigerseminar in Zingst und Finkenwalde. Ich möchte aber an seiner Frage festhalten, weil es wichtiger ist, am Vermächtnis der unerledigten Fragen Bonhoeffers zu arbeiten, als ihn durch Sondermarken der Bundespost und allerlei Feiern zum Heiligen zu stilisieren. Ganz zu schweigen von einem Film, dessen Verzeichnung eines Gottesdienstes, in dem die Gestapo nicht 'unauffällig' beobachtete und anschließend zugriff, sondern durch einen schneidigen Sprecher mitten im Gottesdienst ein offenes NS-Bekenntnis erzwingen ließ. Diese Szene fälscht die tatsächliche Gottesdienstsituation. Man könnte sagen, sie ist eben auf amerikanische Kinobesucher zugeschnitten. Das Ärgerliche ist jedoch ihre Funktionalität für die angeblich alternativlose Entscheidung Bonhoeffers. Der Sinn dieser Szene ist es, den Zuschauer auf das Optieren Bonhoeffers für den Weg der Verschwörung vorzubereiten. Doch solche blasphemischen, demonstrativen Auftritte von NS-Funktionären in Gottesdiensten hat es meines Wissens bei Martin Niemöller oder Helmut Gollwitzer in Dahlem nicht gegeben, und mir sind auch keine anderen vergleichbaren Auftritte in anderen Kirchen bekannt. Die Konfrontation im Gottesdienst haben die Nazis gescheut.(7)
Wenn Studenten im Blick auf das Abfassen von Seminararbeiten, Diplomarbeiten und Dissertationen von mir wissen wollen, worauf ich denn achte, wenn ich herauszufinden suche, ob es sich möglicherweise um eine wertvolle wissenschaftliche Arbeit handelt, nenne ich als erstes Kriterium: Stellt der Verfasser eine interessante Frage, auf die es noch keine oder eine möglicherweise unzulängliche Antwort gibt?
Kann man die Frage Bonhoeffers in Fanö denn beantworten? Was wäre, wenn ein Volk oder mehrere Völker einseitig abrüsteten und sich nun im Falle einer Aggression nicht passiv verhielten, sondern betend den Angreifer empfangen würden? Was heißt hier "beten"? Was heißt hier "empfangen"? Das sind auch spannende Fragen, die sich aber primär an Glaubensgemeinschaften richten, und die ich jetzt hier als Politologe nicht einfach beantworten kann. Es wäre jedenfalls zu einfach, wenn ich jetzt nur sagen würde, "beten" und "empfangen" sind identisch mit "gewaltfreien Widerstand leisten", obwohl dies durchaus eine Antwort sein kann auf die Frage der Betenden "Was sollen wir tun"?
Es gibt eben nicht nur historische Beispiele für Unterdrückung und Verfolgung, sondern auch Beispiele für anhaltenden gewaltlosen Widerstand, der auf kürzere oder längere Sicht zum Abschütteln der Fremdherrschaft führte. Ich möchte jetzt aber nicht über den Ruhrkampf von 1923 und die dänischen und norwegischen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg sprechen, sondern will zunächst einmal verfolgen, wie Bonhoeffer mit seiner eigenen Frage umgegangen ist.
Er sah wahrscheinlich in Gandhis Satyagraha-Strategie des gewaltfreien Widerstandes eine mögliche Antwort. Dies können wir daran erkennen, dass er über Jahre ziemlich hartnäckig den Plan verfolgte, "ein halbes Jahre oder länger" mit Gandhi zusammenzuarbeiten. Wir wissen dies aus Briefen an seinen Bruder Karl-Friedrich und an seine Großmutter, wie sie in Eberhard Bethges großer Bonhoeffer-Biographie zitiert werden. Dieses Interesse Bonhoeffers an der Gandhischen Verbindung von Spiritualität und politischem Widerstand ist auch in den oppositionellen kirchlichen Kreisen des nationalsozialistischen Deutschland nicht verstanden worden. Man hat sich Bonhoeffers Indienplan nur als verrückte Kuriosität weitererzählt. Karl Barth schrieb im Oktober 1936 an Bonhoeffer, dass das einzige, was er lange Zeit von ihm gewusst habe, die "seltsame Nachricht" gewesen sei, er beabsichtige nach Indien zu gehen, "um sich dort bei Gandhi oder einem anderen dortigen Gottesfreund irgendeine geistige Technik anzueignen".(8)
Gandhi hatte Bonhoeffer - auf Anfrage - tatsächlich eingeladen, ihn zu begleiten, aber es kam nicht mehr zu dieser Reise, weil Bonhoeffer dann - wie gesagt - die Leitung des Predigerseminars in Finkenwalde übernahm.
Hätte die Zusammenarbeit mit Gandhi Bonhoeffer befähigt, die in Fanö aufgeworfene Frage zu beantworten? Es ist faszinierend, sich diese Männer im Dialog vorzustellen, den phantasievollen indischen Widerstandspraktiker und Massenorganisator einerseits und den deutschen Kenner des Nationalsozialismus und der Bekennenden Kirche andererseits. Martin Buber hat mit einigem Recht Gandhi vorgeworfen, dass er die Möglichkeiten eines jüdischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus falsch einschätze und dass die Lage der Inder in Südafrika der Lage der Juden in Deutschland nicht gleiche.(9) Tatsächlich hatte Gandhi in seiner näheren Umgebung keinen Kenner des totalitären Systems der Nationalsozialisten. Bonhoeffer hätte über diese Kenntnisse in hervorragendem Maße verfügt, und so hätten sich aus den Gesprächen der beiden realistische Strategien sowohl für den Widerstand in Deutschland wie auch für den Widerstand in eventuell von Deutschland angegriffenen Ländern ergeben können.
Bonhoeffer ahnte 1934 wahrscheinlich bereits, dass es zu einem Zweiten Weltkrieg kommen würde, und dass dann Völker vor der Frage stehen würden, wie sie dem Angreifer begegnen sollten. Im Zweiten Weltkrieg wurde auf den deutschen Angriff fast überall militärisch geantwortet. Darum wissen wir nicht, wie die fanatischen Nationalsozialisten und das von ihnen anscheinend gleichgeschaltete deutsche Volk auf die von Bonhoeffer erwogene Art des Empfangs reagiert hätten.(10)
Die Bedeutung des "Zurückschießens" und des Daseinskampfes für das nationalsozialistische Selbstverständnis
Man muss bedenken, dass Hitler zur Legitimation seines Angriffs auf Polen den angeblichen Überfall auf den Sender Gleiwitz und zwei weitere Zwischenfälle von deutschen SS-Leuten in polnischen Uniformen inszenieren ließ, um dann behaupten zu können, seit dem Morgen des 1. September 1939 würde nun "zurückgeschossen". Das haben viele Deutsche geglaubt, weil sie über keine anderen Informationsmöglichkeiten als über die von Goebbels gesteuerten Medien verfügten. Aber nun nochmals die prophetische Frage Bonhoeffers in Fanö 1934: "Wer von uns darf denn sagen, dass er wüsste, was es für die Welt bedeuten könnte, wenn ein Volk - statt mit er Waffe in der Hand - betend und wehrlos und darum gerade bewaffnet mit der allein guten Wehr und Waffe den Angreifer empfänge?" Wir wissen seit 1981, wie das aussieht: betende polnische Arbeiter auf der Lenin-Werft in Danzig.
Was wäre gewesen, wenn die angeblich "zurückschießenden" deutschen Soldaten nicht auf einen - wie man so sagt - heldenhaften, aber doch ganz unzulänglichen militärischen Widerstand der Polen, sondern auf ein betendes, gewaltlosen Widerstand leistendes Volk gestoßen wären? Wir dürfen nicht annehmen, dass die Gebete und die Argumente der Polen die deutschen Aggressoren sofort in wunderbarer Weise überzeugt hätten. Ich gehe bei meinen Überlegungen von den damals real existierenden nationalsozialistischen Verhaltensweisen aus und nehme nur bei den Polen fiktiv die von Bonhoeffer ins Auge gefasste christliche Verhaltensweise an. Unter dieser Voraussetzung hätte man durchaus mit nationalsozialistischen Unterdrückungsaktionen brutaler Art rechnen müssen. Darüber war sich auch Bonhoeffer im klaren und darum verwies er auf das Kreuz. Die Christen haben ja als ihr Kennzeichen dieses bösartigste Hinrichtungsinstrument der Weltgeschichte.
Es ist also leider anzunehmen, dass deutsche Aggressoren 1939 auf unbewaffneten gewaltlosen Widerstand mit einer Strategie der brutalen Unterdrückung reagiert hätten. Meine Schlussfolgerung aus dem Studium Hitlerscher Besatzungspolitik im Zweiten Weltkrieg(11) ist, dass sie vor keiner Unterdrückungsmethode zurückschreckte, ihr jedoch der gewaltlose Widerstand die größten Probleme bereitete und sie am effektivsten hinderte, ihre Politik durchzusetzen. Zu gröhlen "Und heute (ge)hört uns Deutschland und morgen die ganze Welt" ist einfach. Doch wären die Deutschen nach einem gewonnenen Krieg oder kampflosem Einrücken nicht innerhalb von Jahrzehnten als Besatzer gescheitert? Mit ein paar Millionen Deutschen, welche die Nationalsozialisten eventuell aus dem Reich hätten abziehen können, wäre nicht einmal in Europa, geschweige denn in Übersee ein einigermaßen funktionierendes faschistisches Herrschaftssystem aufzubauen gewesen. Ob die Fremdherrschaft relativ milde ist oder brutal: Widerstand provoziert sie immer. Das zeigt der Vergleich der dänischen und der polnischen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg.
Von den Grenzen totalitärer Herrschaft
Wenn man die Grenzen der Machbarkeit totalitärer Herrschaft kennen lernen möchte, dann hat das Experiment nationalsozialistischer Herrschaft in Polen den Vorzug, dass die Nazis hier im Blick auf die Fähigkeit zu skrupelloser Unterdrückung kaum Überbietbares aufzuweisen haben. Dort sind sie ganz besonders rücksichtslos verfahren und dort hatten sie auch fünf Jahre Zeit, ihre Herrschaft zu festigen. Man kann darum wohl die These formulieren: Wenn es zwischen 1939 und 1944 in Polen nicht gelungen ist, Fremdherrschaft trotz Widerstand zu befestigen, dann ist es wahrscheinlich - zumindest mittels Brutalität - überhaupt nicht möglich.
Der historische Befund ist ausreichend geklärt. Nach der militärischen Niederlage hat der polnische Widerstand, der sich neben gewaltloser auch bewaffneter Formen bediente, zwar große Opfer gefordert, aber er hat die nationalsozialistische Wahnvorstellung widerlegt, dass die germanischen Herrenmenschen sich mit ihrem Willen zur Macht gegenüber diesen slawischen Untermenschen durchsetzen könnten. Ich verweise auf die Forschungen von Wolfgang Jacobmeyer, der sich bei seinem Urteil nicht nur auf die Selbsteinschätzung des polnischen Widerstands, sondern gerade auf die Stimmen der Unterdrücker beruft, die ihr Scheitern sicher ungern eingestanden haben. In einem Aufsatz über "Widerstand und nationale Selbstbehauptung gegen die deutsche Besatzungsherrschaft im Zweiten Weltkrieg in Polen" schreibt er: "Das vielleicht schlüssigste Urteil über die deutsche Besatzungspolitik in Polen als die eigentliche Urheberin des Widerstands liegt im Bereich des SS-Sturmbannführers Dr. Strickner aus dem Reichssicherheitshauptamt im Oktober 1944 vor. Dort heißt es, es hätten Aussiedlungen, wirtschaftlicher Raubbau, Zwangsarbeiter- und Ernährungspolitik zu einem solchen Anwachsen der Tätigkeit und Macht der Widerstandsbewegung geführt, "dass praktisch von einem Staat im Staate gesprochen werden kann. Die infolge des Menschenmangels unzureichenden deutschen Bekämpfungsmaßnahmen unterstützten die Widerstandsfähigkeit besonders stark!"(12)
Nun könnte man behaupten: Wenn die Nationalsozialisten den Krieg gewonnen hätten, dann hätten sie ihr Personal auf die Unterdrückung des Widerstands konzentrieren können. Aber wie hätten sie denn die riesigen Territorien ihrer Kriegsgegner besetzen sollen? Einige besonders brutale Vernichtungsmethoden sind - aufgrund der vorliegenden Erfahrungen - auch nur unter Kriegsbedingungen vorstellbar. Es hat in Deutschland auch vor Kriegsausbruch bereits Konzentrationslager und politische Morde in alarmierender Zahl gegeben; doch die eigentlichen Vernichtungslager wurden erst während des Krieges errichtet. Sie fanden in Deutschland wenig Beachtung, weil sich die Aufmerksamkeit auf das Geschehen an den militärischen Fronten konzentrierte. Wenn hingegen in einem diktatorisch regierten Land keine militärischen Kämpfe stattfinden, richtet sich die Aufmerksamkeit im In- und Ausland unweigerlich auf die Existenz der Konzentrationslager.
Die Auseinandersetzung mit der deutschen Besatzungsherrschaft hätte sich bei waffenlosem Widerstand vielleicht über Jahrzehnte hingezogen, vielleicht wäre die deutsche Herrschaft aber auch viel schneller in eine Krise geraten. Die natürliche Sterblichkeit der "Führer" und sich daraus ergebende Nachfolgekrisen sind ein Problem jeder Diktatur. Doch wenn der Widerstand schließlich Erfolg gehabt hätte, dann hätte es auch keinen Grund gegeben, diese Staaten, die sich gewaltlos selbst befreit hätten, militärisch aufzurüsten, und man würde es ihnen heute glauben, dass sie auch in Zukunft allen Versuchen, diktatorische Herrschaft auszuüben, sofort Widerstand leisten würden. Welch eine Errungenschaft wäre es, wenn es heute Staaten gäbe, die aus innerer Stärke keine Waffen wollten, insbesondere aber Atomwaffen als etwas politisch völlig Nutzloses erachten würden! Das war das Indien, von dem Gandhi träumte und für das er auch noch Jahrzehnte mit gewaltfreien Mitteln weitergekämpft hätte. Die Zahl der indischen Satyagrahis war zum Zeitpunkt der Unabhängikeit Indiens und der Teilung des englischen Kolonialreichs in Indien und Pakistan gering. Sie reichte jedenfalls nicht aus, um sofort Regierungsverantwortung zu übernehmen und Politik mit gewaltfreien Mitteln zu betreiben. Von Nehru und anderen Politikern der Congress-Partei hat man dies erwartet, aber diese haben nichts unternommen, um gemäß einer Empfehlung Gandhis den Aufbau einer Shanti Sena, einer nonviolent task force, aus Satyagrahis zu fördern.
Was bedeutet die Entscheidung Bonhoeffers für den militärischen Widerstand?
Ich habe Bonhoeffer als pazifistischen Fragesteller eingeführt, aber es ist bekannt, dass er den pazifistischen Weg, auf den ihn sein Freund Jean Lassere, Autor des Buches "Der Krieg und das Evangelium"(13) gebracht hat(14), nicht zu Ende gegangen ist, sondern dass er sich an der militärischen Verschwörung, die am 20. Juli 1944 zum Versuch eines Staatsstreichs führte, beteiligt hat. Ist er darum ein Zeuge für die Unmöglichkeit, den Nationalsozialismus mit gewaltfreien Mitteln zu überwinden? Offensichtlich sind ihm keine erfolgversprechenden gewaltfreien Mittel eingefallen. Doch dies ist kein ausreichender Beweis dafür, dass es diese nicht eventuell doch gegeben hätte. Vielleicht hat er sich nur nicht ausreichend um diese gewaltfreien Mittel gekümmert. Die Entscheidung, die Suche nach gewaltfreien Wegen aufzugeben, ist in jedem Falle willkürlich, nicht zwangsläufig. Man darf sie auf gar keinen Fall religiös überhöhen, was Bonhoeffer auch nicht getan hat. Es gibt in der Bibel Stellen, die den Eindruck göttlicher Schlachtanweisungen erwecken. Gandhi ist auf Vergleichbares in der Bhagawadgita gestoßen. Er hat diesen Basistext des Hinduismus konsequent im gewaltfreien Sinne ausgelegt. Das diente einem guten Zweck, doch methodisch gesehen fand ich sein Verfahren hanebüchen. Solche exegetischen Verrenkungen haben wir bei der Bergpredigt nicht nötig. Doch darüber dürfen wir nicht verdrängen, dass es im Alten Testament Berichte gibt, in denen das Volk Gottes - quasi mit seiner Hilfe - Feinde vernichtet oder die Verfolger ersäuft werden. Wir ziehen das Alte Testament heute im Gottesdienst nur noch selektiv heran. Wir beten einige Psalmen gerne und häufig. Doch es gibt andere, von denen wir nur einige Zeilen ob ihrer poetischen Qualität schätzen, zum Beispiel den Beginn des 137. Psalms "An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hingen wir an die Weiden, die daselbst sind." Doch wenn wir diesen Psalm zu Ende lesen, dann kann es uns nur noch grausen: "Wohl dem, der deine (Babels) jungen Kinder nimmt und zerschmettert sie an dem Stein!" Welch ein Gegensatz zu Jeremia 29,7. "Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe lassen wegführen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn's ihr wohl geht, dann geht's euch auch wohl."
Doch man muss nicht das Neue gegen das Alte Testament, also die christlichen Ergänzungen der Heiligen Schrift gegen die hebräische Bibel ausspielen, wenn man die Auffassung vertritt, dass sich Religionen entwickeln können. Heuristische Überlegungen zu den möglichen Entdeckungen fortgesetzter Suche gehören meines Erachtens zu jeder Religion. Darum müssen wir auch mit Bonhoeffers Zeugnis kritisch umgehen. Sonst laufen wir Gefahr, Bonhoeffer noch zum Kronzeugen für die militärische Gewalt als ultima ratio zu machen. Die ehemaligen Pazifisten, die in bestimmten Situationen Gewalt befürworten, sind für den Pazifismus und die Ethik der Nachfolge eine weitaus bedeutendere Herausforderung als diejenigen, die immer schon Eisen gefressen haben.
Der Reifeprozess und Reifegrad des Bonhoefferschen Pazifismus ist bislang nicht ausreichend untersucht worden.(15) Wahrscheinlich hat er sich im Jahre 1934, als er seine berühmte Andacht in Fanö hielt, in Annäherung an die Position der traditionellen Friedenskirchen, denen er in der Ökumene begegnet war, als Pazifist verstanden, zumindest hat er seine Frage so gestellt. Begründet hat er seinen Pazifismus christologisch, nicht humanitär. Das Handeln orientiert sich nicht mehr wie in seinem ersten Vortrag über politische Ethik in Barcelona im Jahre 1929 an den Interessen des jeweiligen Volkes sondern an der Kirche Christi. "Sie (die Christen) können nicht die Waffen gegeneinander richten, weil sie wissen, dass sie damit die Waffen auf Christus selbst richten. Es gibt für sie in aller Angst und Bedrängnis des Gewissens keine Ausflucht vor dem Gebot Christi, dass Friede sein soll."
Unter dem Eindruck der Entwicklung des nationalsozialistischen Terrorregimes hat Bonhoeffer sich dann entschlossen, den Versuch, Hitler gewaltsam zu beseitigen, seinerseits zu unterstützen.(16) Es ist ihm - wie gesagt - nichts Besseres eingefallen; theologisch gerechtfertigt - unter Berufung auf die Lehre Jesu - hat er es meines Wissens nicht. Es ist also auch im Sinne seiner eigenen Theologie der "Nachfolge" durchaus erlaubt, sein Handeln kritisch zu bedenken und nach gewaltfreien Alternativen zu fahnden.
Dass noch im Februar 1943 in Berlin durch eine Straßendemonstration von Angehörigen die Freilassung "arisch versippter" Juden erreicht werden konnte, gibt doch zu denken. Fragen wir doch mal ganz unverschämt: Was hat Bonhoeffer denn getan, um die Möglichkeiten des gewaltfreien Widerstands gegen den Nationalsozialismus zu entdecken und zu entwickeln?
Der Plan, zu Gandhi zu reisen
Wir wissen nur, dass er nach der Machtergreifung Hitlers zunächst zu Gandhi reisen wollte. Ich nehme an, er wollte das Handwerk des gewaltfreien Widerstands erlernen.(17) Dann blieb er jedoch in Deutschland und betrieb in Finkenwalde mehr oder weniger traditionelle Vikarsausbildung - mit Elementen des gemeinsamen Lebens, aber doch ohne jedes explizite Training in gewaltfreiem Handeln und ohne weiteren Kontakt zu transnationalen pazifistischen Gruppen. Von der Strategie des gewaltfreien Widerstands und den zugehörigen Fallstudien hatte Bonhoeffer meines Wissens keine konkreten Vorstellungen. Er hielt den Vikaren eine Vorlesung über "Nachfolge". Diese war zwar theologisch und literarisch brillant, aber sie enthielt nicht einmal Spurenelemente der strategisch-taktischen Information über gewaltfreies Handeln in der Nachfolge Jesu.
Bonhoeffer hatte für mein Empfinden ein ziemlich autoritäres Verständnis von "Nachfolge". Die Theologie Bonhoeffers von Fanö bis Finkenwalde macht auch mich den Eindruck einer in systematischer Hinsicht konsequenten Konstruktion. Alles steht im Zeichen einer emphatischen Christologie. Jesus ruft und dann marschieren die Jünger hinterher. Dass es auf der Welt noch weitere ernst zu nehmende Religionen und unter deren mündigen Praktikanten auch Menschen gibt, welche zwar die Bibel studiert und mit Christen kooperiert haben, aber doch keine Christen geworden sind, spielt im Denken Bonhoeffers keine bedeutende Rolle. Auch in dieser Hinsicht wäre die Begegnung mit Gandhi oder auch mit informierten, bewusst nicht-christlichen Juden wichtig gewesen. Im Vergleich dazu bedeutete die Ideologie der Nazis, ihr Rassismus und Rosenbergs germanentümelnder Humbug für die Christologie Bonhoeffers keine intellektuelle Herausforderung.
Zu einem theologischen Denken, das traditionelle Formen der Religion kritisiert und das Mündigwerden der Welt positiv bewertet, kam er mit letzter Konsequenz erst in der Haft, als er Nichtchristen wahrnahm, die für emphatische christologische Bekenntnisse nicht ansprechbar waren. In seinem Nachdenken über diese Situation bestand dann in der Nachkriegszeit die Bedeutung der Textsammlung "Widerstand und Ergebung".
Der Exkurs in Bethges Bonhoeffer-Biographie über "die Theologie der mündigen Ohnmacht" hat mein erstes Entsetzen über den christologischen Anspruch Bonhoeffers etwas gemildert, weil Bethge zu erklären vermag, wie Bonhoeffer sich die Verbindung der Christologie mit dem Tun des Gerechten gedacht hat,(18) aber ich empfinde nach wie vor die Sprache der christologischen Ausführungen Bonhoeffers als trimphalistisch, obwohl es in der Sache um eine theologia crucis geht und mir diese auch einleuchtet. Wahrscheinlich ist es außerordentlich schwer, mit einem autoritativen, christologischen Ansatz einen Zugang zur Praxis der gewaltfreien Aktion zu finden. Die Aktionsgruppen sind in der Regel keine Glaubensgemeinschaften, die ein arkaner Kultus verbindet, sondern ein bunter Haufen. Diese Erfahrung hatten die amerikanischen und englischen Pazifisten dem deutschen Theologen voraus. Deren optimistischer, gruppendynamischer Aktivismus muss einem systematisch-christologisch denkenden Menschen fragwürdig erscheinen. Man trifft in pazifistischen Gruppen auf ein naives, fundamentalistisches Verständnis der von Jesus berichtetenden Texte, mit dem man in Deutschland gewiss kein theologisches Examen bestehen könnte, aber diese Bergpredigt-Fundis verprellen auch niemand mit der christologischen Emphase, die ich aus den Texten Bonhoeffers von Fanö bis Finkenwalde noch herausgehört habe. Es gibt heute in der International Fellowship of Reconciliation, die von Christen gegründet wurde, eine Kooperation von Menschen mehrerer Glaubensrichtungen. Solches "Glauben und glauben Lassen" ist zwar für den Intellekt eines deutschen systematischen Theologen eine arge Zumutung, aber es funktioniert manierlich, wohingegen ein autoritäres, sich christologisch aufplusterndes Verständnis der Nachfolge der gruppendynamischen Vermittlung von gewaltfreien Verhaltensweisen und dem solidarischen Verhalten in Bezugsgruppen im Wege stünde.(19) Gewiss, Bonhoeffer wollte sich nicht aufplustern - wie könnte dies auch ein noch so aristokratischer Häftling in Tegel! - , aber die deutschen Theologen und die laufenden Meter dogmatischer Literatur, die sie hervorbringen, sind nun mal per se einschüchternd und bevormundend. Eigentlich war es ein günstiger Umstand, dass Bonhoeffer im Tegel kein Buch in der Art der "Nachfolge", sondern wie ein Paulus nur Briefe und Gedichte schreiben konnte. Das passte stilistisch zu seinem Programm einer "nichtreligiösen Interpretation biblischer Begriffe in einer mündig gewordenen Welt" besser als ein systematisches Buch, das er gleichwohl zu schreiben begonnen hatte.
Doch noch einmal zurück ins Predigerseminar nach Finkenwalde. Ich zweifle daran, dass es angesichts der totalitären, militaristischen Herausforderung richtig war, in Finkenwalde in der Vikarsausbildung weitgehend traditionelle Theologie zu pflegen. Bonhoeffer hat nach der Schließung des Predigerseminars im September/Oktober 1938 seine Experimente mit dem gemeinsamen Leben niedergeschrieben.(20) Doch genügte diese Art gemeinsames Leben, um die Vikare fit zu machen, für den Widerstand gegen das NS-Regime? Ich habe keine Hinweise darauf, dass in Finkenwalde Gandhi-Texte gelesen worden sind. Es wäre leicht möglich gewesen. In den zwanziger Jahren sind mehr Gandhi-Texte in deutscher Sprache erschienen als zwischen 1945 und 1968. Bonhoeffer und die Vikare hätten aus dem Studium von Gandhis strategischen Schriften und aus Fallstudien über gewaltlose Kampagnen(21) mehr lernen können als vom bloßen Aufenthalt in Gandhis Umgebung.(22) Die strategische Erörterung mit Gandhi hätte ergiebig sein können, aber warum hat Bonhoeffer von Finkenwalde aus nicht an Gandhi geschrieben? Dieser pflegte doch zu antworten. Mir ist hier einiges rätselhaft. Und es gab in Deutschland, in Österreich, in der Schweiz, in Frankreich und besonders in Großbritannien in kirchlichen Kreisen mehrere Experten auf dem Gebiete der gewaltfreien Konfliktbearbeitung. Auf die niederländischen und belgischen Anarchisten und Sozialisten habe ich bereits hingewiesen. Man kann also auf gar keinen Fall behaupten, dass Bonhoeffer durch den bloßen Verzicht auf die Indienreise von der Möglichkeit, sich über die gewaltfreie Konfliktbearbeitung zu informieren, abgeschnitten gewesen wäre.
Warum keine Gandhi-Lektüre?
Bonhoeffer hätte die wichtigsten strategischen Texte Gandhis aus "Young India" für die Vikare in Finkenwalde nicht einmal übersetzen müssen. Er hätte sie nur beschaffen oder aus seinem eigenen Bestand, den ich allerdings im Blick auf Gandhi nicht kenne, in die Bibliothek von Finkenwalde stellen und dann mit den Vikaren behandeln müssen. Warum hat er es nicht getan? Wahrscheinlich stand er im Banne der herkömmlichen Vikarsausbildung, die auch nach E. Bethges Auskunft - bis auf die Vorlesung über "Nachfolge" - herkömmlichen Mustern folgte. Die Lektüre von Gandhi-Texten zum Teil der Vikarsausbildung zu machen, wäre auch in der Bekennenden Kirche etwas Unerhörtes gewesen. Es gab zwar auch in kirchlichen Kreisen eine gewisse Gandhi-Rezeption, doch dieser ging es meist um apologetische Abgrenzungen des Christentums von Gandhis Lehren, kaum um Fragen der Strategie und Taktik der gewaltfreien Aktion.(23) Ich erinnere mich, dass erst in der Folge der APO von 1968 und als Reaktion auf die weiterhin konservative theologische Ausbildung an der Kirchlichen Hochschule in Berlin Sozialwissenschaftliche Studien in die Ausbildung am Praktisch-Theologischen Ausbildungsinstitut der Berliner Kirche eingegliedert wurden - eine Errungenschaft, die nach der Wende von 1989 wieder verschwand.
Als der konsequente Pazifist und spätere evangelische Märtyrer der Kriegsdienstverweigerung Dr. Hermann Stöhr das Predigerseminar in Finkenwalde besuchte, kam es zu keinem fruchtbaren Gedankenaustausch mit Bonhoeffer und auch zu keinen Widerstandsverabredungen im Sinne der gewaltfreien Aktion. Dafür gibt es sicher mancherlei Gründe. Stöhr verfolgte in der Ökumene eine etwas andere Linie als Bonhoeffer. Doch dass die Möglichkeiten der gewaltfreien Aktion in Finkenwalde nicht einmal erörtert wurden, und Bonhoeffer in der Zeit nach Finkenwalde für diese Methoden wohl zunehmend unsensibel wurde, erkläre ich mir damit, dass er einen Strategiewechsel und in dessen Folge auch Milieuwechsel vollzogen hatte und damit für gewaltfreie Alternativen mental blockiert war.
Bonhoeffer wurde in die Überlegungen der Verschwörung gegen Hitler durch seinen Schwager Hans von Dohnanyi eingeführt. So war er in der Lage sich zunehmend mit der Frage zu befassen, ob und wie Hitler und sein Regime gewaltsam gestürzt werden könnten. Bonhoeffer hatte einen Zugang zum Kreis der Verschwörer, der anderen Mitglieder der Bekennenden Kirche nicht offen stand. Er befand sich in einer Ausnahmesituation. Sein Handeln ließ sich auf andere Christen nicht übertragen, wohingegen die Übertragbarkeit und Massenhaftigkeit richtigen Handelns zu den Maximen der gewaltfreien Aktion gehört. Verständlich ist diese neue Orientierung Bonhoeffers. Er war bitter enttäuscht vom Lavieren und dem Anpassungskurs der Bekennenden Kirche. Zu pazifistischen Basisorganisationen im In- und Ausland hatte er wenig oder auch gar keinen Kontakt. Wie hat sich das Verhältnis zu Jean Lassere entwickelt? Hat er mit ihm o der anderen Pazifisten Briefe gewechselt? Von Aktivitäten von Mitgliedern verbotener pazifistischer Organisationen im Dritten Reich wissen wir fast nichts. Bekannt ist nur, dass Hermann Stöhr Bonhoeffer in Finkenwalde besuchte. Friedrich Siegmund-Schultze, der Vorsitzende des Versöhnungsbundes, des deutschen Zweigs der Fellowship of Reconciliation, war in die Schweiz emigiert. Bethge berichtet - ohne nähere Angaben - , dass Bonhoeffer Siegmund-Schultze in Zürich besucht habe und dass auch Siegmund-Schultze in Verbindung zur der Widerstandsgruppe Becks und Goerdelers gestanden habe.(24).
Bonhoeffer hat es allem Anschein nach aufgegeben, nach einer gewaltfreien Strategie des Widerstands gegen den Nationalsozialismus zu suchen. Wahrscheinlich hat es für ihn im Zusammenhang mit der Anwendung des gewaltlosen Widerstands den Begriff der "Strategie" gar nicht gegeben. Diese Sicht der Anwendung von Satyagraha hätte er in Indien bei Gandhi und Nehru lernen können.(25) In seiner Finkenwalder Vorlesung über "Nachfolge" hat er zwischen Wehrlosigkeit und gewaltlosem Widerstand nicht unterschieden, was mich sogar daran zweifeln lässt, dass er die für Gandhis Strategie grundlegenden Aufsätze aus der Zeitschrift "Young India", die 1924 im Rotapfel-Verlag in Zürich erschienen sind,(26) gründlich gelesen hat. Um dies zu klären, könnte man Bonhoeffers Bibliothek sichten und nach Lesespuren suchen. Ich kann mir schwer vorstellen, dass er zu Gandhi reisen wollte, ohne zuvor dessen einschlägige Publikationen gelesen zu haben.
Kriegsdienstverweigerung als Sand im Getriebe
Wenn Bonhoeffer die Linie des gewaltfreien Widerstands im Sinne Gandhis und seiner Mitstreiter weiter verfolgt hätte, wäre er vermutlich bald wie Hermann Stöhr vor der Frage gestanden, ob er den Kriegsdienst verweigern sollte. Wenn er sich dafür entschieden hätte, dann wäre die Signalwirkung sicher weitaus größer gewesen als im Falle von Stöhr. Wahrscheinlich hätte ihn die NS-Justiz ähnlich behandelt wie Dr. Stöhr, aber die Kriegsdienstverweigerung des Theologiedozenten Dietrich Bonhoeffer, der aus einer sehr angesehenen Berliner Familie stammte, wäre für die Evangelische Kirche und die Berliner Gesellschaft eine weit größere Herausforderung gewesen als die Kriegsdienstverweigerung und Verurteilung des unbekannten Stettiner Sozialwissenschaftlers Dr. Hermann Stöhr.(27) Möglicherweise hätte eine Kriegsdienstverweigerung Bonhoeffers erhebliche Weiterungen gehabt. Seine Tat hätte die Bekennende Kirche vor die Frage gestellt, ob die Beteiligung an Hitlers Vorbereitungen auf einen Angriffskrieg nicht auch eine Frage des Bekenntnisses ist. Bonhoeffer war sich auch darüber im Klaren, dass seine Kriegsdienstverweigerung zu heftigen Auseinandersetzungen in der Bekennenden Kirche führen würde. An Bischof Chichester schrieb er im März 1939: "Es scheint mir mit meinem Gewissen unvereinbar, an einem Krieg unter den gegebenen Umständen teilzunehmen. Andererseits hat die Bekennende Kirche als solche in dieser Hinicht keine bestimmte Haltung eingenommen und kann es wahrscheinlich auch nicht tun, so wie die Dinge nun einmal liegen." Wenn er bei der bevorstehenden Einberufung seines Jahrgangs (1906) den Militärdienst verweigern würde, "so würde ich meinen Brüdern (in der Bekennenden Kirche) einen ungeheuren Schaden zufügen, wenn ich in diesem Punkt Widerstand leistete, was von dem Regime als typisch für die Feindseligkeit unserer Kirche gegen den Staat angesehen würde."
Rückblickend wird man abwägen: War es wichtiger der Bekennenden Kirche "ungeheuren Schaden" zu ersparen oder dem Hitler-Regime zu signalisieren, dass die Bekennende Kirche sich ihm bei der offenbaren Vorbereitung auf einen Angriffskrieg verweigern würde? Gemessen an den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs wäre der "Schaden" für die Bekennende Kirche wahrscheinlich nicht ungeheuer, sondern ziemlich gering gewesen. Typisch ist, dass die Kirche bis zum heutigen Tage einen solchen Maßstab, der die langfristigen Folgen von Schweigen und Nichthandeln berücksichtigt, nicht anlegt, sondern vornehmlich auf den naheliegenden Ärger achtet, den regierungskritische Stellungnahmen auslösen.
Worin ich Eberhard Bethge nicht folgen kann, ist die Einschätzung, dass (noch vor Kriegsausbruch) eine Kriegsdienstverweigerung Bonhoeffers "eine Art privaten Charakter" gehabt hätte.(28) Bethge kommt zu dieser Einschätzung, weil er die Beteiligung an der Verschwörung der Militärs gegen Hitler als das Erfolgversprechendere, als das Politische einstuft. Ich vermag dieser Einschätzung nicht zu folgen, weil sie davon ausgeht, dass nach einem erfolgreichen Attentat auf Hitler, die Machtübernahme durch die Verschwörer, die Kriegsbeendigung und das Errichten eines Rechtsstaates passabel funktioniert hätten. Gemessen an dieser überaus optimistischen Annahme,(29) scheint es mir wirklich erwägenswert zu sein, ob ob eine offene kirchliche Warnung vor einen Angriffskrieg und die Empfehlung der Kriegsdienstverweigerung nicht das Aussichtsreichere gewesen wären.
Man muss annehmen, dass eine solche Strategie der Bekennenden Kirche - vorbereitet durch das Zeugnis der Kriegsdienstverweigerung Einzelner - zur Verfolgung der Kirche geführt hätte. Doch wenn man das wahrscheinliche Ausmaß dieser Verfolgung misst an der ungeheuren Schuld, welche die Kirche durch Schweigen und Mitmachen vor und während des Zweiten Weltkriegs auf sich geladen und dann - als dies ökumenisch opportun war - im Stuttgarter Schuldbekenntnis auch ausgesprochen hat, dann macht es schon Sinn, sich zu überlegen, ob aus der Kriegsdienstverweigerung einzelner Christen nicht eine wirksame Bewegung - im Sinne des Sandes im Getriebe - hätte werden können, denn es gab in Deutschland im Jahre 1939 im Unterschied zum Jahre 1914 keine Kriegsbegeisterung.
Hätte Bonhoeffer den Kriegsdienst tatsächlich verweigert, dann hätte er vor Kriegsausbruch wahrscheinlich ähnlich wie Hermann Stöhr die Möglichkeit gehabt, seine Entscheidung zu begründen. Auch wenn die Kriegsmaschinerie nicht aufzuhalten gewesen wäre, so ist doch anzunehmen, dass Briefe und Ausarbeitungen eines Kriegsdienstverweigerers Dietrich Bonhoeffer in der Nachkriegszeit keine geringere Rolle gespielt hätten als die Sammlung seiner Zeugnisse in "Widerstand und Ergebung".
Wir dürfen nachträglich vom Schreibtisch aus keine Martyriumsempfehlung abzugeben. Wenn unsereiner sich fragt, was er an Stelle Bonhoeffers getan hätte, dann wird er sich wahrscheinlich eingestehen, dass er gar nicht erst nach Deutschland zurückgekehrt wäre, sondern die Bonhoeffer angebotene Dozentur in den USA angetreten hätte. An seiner Stelle hätte ich dies wahrscheinlich getan und wäre dann beim Kriegseintritt der USA vor der Frage gestanden, ob und wie ich für mein Krieg führendes Gastland Partei ergreife. Viele Emigranten haben dies getan bis hin zur Rechtfertigung des Bombardements deutscher Städte. Doch es hat vor und nach dem amerikanischen Eintritt in den Zweiten Weltkrieg auch einen amerikanischen Pazifismus gegeben. Eine herausragende Figur des amerikanischen Pazifismus und potentieller Gesprächspartner Bonhoeffers wäre Abraham Johannes Muste gewesen. Dieser hatte im Ersten Weltkrieg wegen seiner pazifistischen Position sein Pfarramt aufgeben müssen und war dann während des Zweiten Weltkriegs für die International Fellowship of Reconciliation tätig, der auch Hermann Stöhr angehörte.(30)
Wenn man sich auf die Suche nach Alternativen einlässt, dann gerät man von einer Spekulation in die andere und von einem Szenario in das nächste. Doch es ist sinnvoll, solche Fragen zu stellen. Jede Entscheidung kennt ihre Dilemmata. Im Blick auf die Entscheidung Bonhoeffers muss ich feststellen: Mit dem Entschluss, an der Verschwörung der Militärs teilzunehmen, setzte Bonhoeffer auch seiner Fähigkeit, gewaltfreie Lösungen im Sinne der Fragen von Fanö und auf der Spur der Bergpredigt zu suchen, ein Ende. Er hörte auf, auf diesem Felde kreativ zu sein. Die mentale Blockade ging meines Erachtens sogar soweit, dass er nicht mehr wahrnahm, was selbst in seiner unmittelbaren Umgebung sich auf dem Felde der gewaltlosen Aktion ereignete.
Die Rosenstraße als blinder Fleck
Er war im Februar/März 1943 in Berlin, als durch die "Fabrikaktion" die in der Rüstungsindustrie tätigen Juden sämtlich festgenommen, in Sammelstellen gebracht und nach Auschwitz transportiert wurden. Damals haben in der Rosenstraße tausende Frauen gegen den Abtransport ihrer "arisch versippten" Männer demonstriert und nach einer Woche Straßendemonstration ihre Freilassung erreicht. Infolge solcher Proteste von Ehefrauen wurden sogar einige bereits nach Auschwitz Abtransportierte wieder nach Deutschland zurückgebracht!(31)
Wir haben kein Indiz dafür, dass Bonhoeffer diesen Frauenprotest auch nur wahrgenommen, geschweige denn unterstützt hätte. Er war durch seine Entscheidung für die militärischen Mittel ganz und gar eingebunden in das Amt Canaris und in die Verschwörung, welche durch Attentate, die Mitte März erfolgen sollten, Hitler zu beseitigen und den Krieg zu beenden suchte. Anfang April wurde Bonhoeffer dann verhaftet.
Darf man da nicht fragen: Was hätte es bedeutet, wenn ein Mann von der Energie und dem intellektuellen Format Dietrich Bonhoeffers eine Grundsatzentscheidung für die gewaltfreie Aktion gefällt und im Sinne dieser Strategie alles zu bewegen gesucht hätte, was zu bewegen war? Es ist zu banal, wenn man jetzt behaupten wollte, dass im Dritten Reich mit gewaltfreien Mitteln nichts zu bewegen war. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis der erfolgreiche Protest in der Rosenstraße nicht länger aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt wurde. Er passte nicht ins offizielle Bild, zu dem als Rechtfertigung für Anpassung und Unterwerfung gehörte, dass öffentlicher Protest gegen das NS-Regime aussichtslos gewesen sei und quasi automatisch zur Vernichtung der Beteiligten geführt habe. Dafür gab es sicherlich viele grauenhafte Belege, aber der militärische Widerstand war auch nicht ohne Risiko und war in der Konsequenz des gescheiterten Versuchs am 20. Juli 1944 erschreckend kostspielig.
Milieubedingtheit von Bonhoeffers Entscheidung
Ich erörtere das hier, weil ich mich gegen die fatalistische Geschichtsbetrachtung wende. Ich bin aus pazifistischer Sicht nicht davon überzeugt, dass Bonhoeffer die einzig mögliche und einzig sinnvolle Entscheidung getroffen hat, als er sich den Versuchen, Hitler mit militärischen Mitteln zu beseitigen, anschloss. Und wenn uns heute die militärische Sicht der Dinge durch die Verehrung für Bonhoeffer auferlegt werden soll, dann müssen wir eben auch Bonhoeffer kritisieren, denn letzten Endes ist das Offenhalten von Martin Niemöllers Frage "Was würde der Herr Jesus dazu sagen?" und der Fragen Bonhoeffers in Fanö wichtiger als die Legitimierung dessen, was Bonhoeffer getan hat.
Wir haben heute viel umfangreichere Möglichkeiten, uns über die gewaltfreien Mittel zu informieren und uns in deren Gebrauch zu üben. Wahrscheinlich werden uns die kommenden Generationen dann auch Versäumnisse vorwerfen, wie ich jetzt Bonhoeffer vorgehalten habe, was er versäumt hat.
Bonhoeffer hat ab 1934 wieder in einem bestimmten Milieu gelebt, in dem die Suche nach gewaltfreien Strategien nicht üblich war. Das galt für die Bekennende Kirche und das galt auch für die Kreise seiner großbürgerlichen Verwandtschaft und die seiner adligen Verlobten. Es braucht einen also nicht zu wundern, dass er nach der verpassten Reise zu Gandhi sich das gewaltfreie Handeln nicht als Autodidakt angeeignet hat. Es ist erstaunlich, wie weit er gedanklich bis 1934 durch seine ökumenischen Kontakte gekommen war. Im Vergleich dazu sind unsere heutigen gedanklichen Eskapaden in Richtung Ziviler Friedensdienst nur Stümperei. Doch darauf kommt es jetzt nicht an. Wichtig ist, dass wir begreifen, welch große Möglichkeiten wir - im Unterschied zu ihm - heute haben und dass wir sie dann auch nutzen.
Meine Lehre als Konfliktforscher - zusammengefasst in den beiden neuen Büchern über den Pazifismus - läuft darauf hinaus, dass es gute Gründe dafür gibt, sich grundsätzlich für eine Politik mit gewaltfreien Mitteln zu entscheiden und sich darauf persönlich festzulegen, so dass die Menschen unseres Umkreises wissen, woran sie mit unsereinem sind. Man hat dann keine Patentrezepte für alle Konfliktsituationen, aber man weiß die Richtung, in der man zu suchen hat. Ob einem dann etwas Erfolgversprechendes einfallen wird, weiß man nicht im voraus. Aber das ist ja ein alter Spruch von einem gewissen Jesus: Suchet, so werdet ihr finden. Klopfet an, so wird euch aufgetan.
Anhang:
Widerstand gegen Diktaturen.
Notizen auf der Fahrt im ICE von Berlin nach Stuttgart
am 20.11.2002
Von bösartigen und gutartigen Diktaturen
Seit dem 11. September 2001 scheint in der sogenannten freien Welt zwischen gutartigen und bösartigen Diktaturen unterschieden zu werden. Den Begriff der "gutartigen Diktatur" existiert zwar nicht offiziell, aber er ergibt sich im Umkehrschluss daraus, dass die Regierung der USA offiziell Mächte des Bösen, also bösartige Regime benennt, die klassische Eigenschaften der modernen, mitunter sogar der totalitären Diktatur aufweisen. Die Regierung der USA hat den Irak und Nordkorea und auch den Iran benannt. Diese klassischen Merkmale diktatorischer Herrschaft treffen aber auch auf eine große Zahl weiterer Regime zu, die jedoch im Blick auf ihre Außenwirkung nicht oder nicht mehr als bösartig bezeichnet werden. Wenn mit diesen Diktaturen wirtschaftlich, sicherheitspolitisch und gar noch geheimdienstlich kooperiert wir, ist es da nicht naheliegend (unter dem Aspekt der Außenwirkung) von "gutartigen Diktaturen" zu sprechen? Zu letzteren scheint man in den USA und in Europa zum Beispiel die meisten arabischen Staaten und China zu zählen.
Was unterscheidet die bösartige von der gutartigen Diktatur? Die bösartige Diktatur gewährt Terroristen, die in westlichen Ländern ihre Anschläge verüben, Unterschlupf oder stellt ihnen gar Ausbildungslager zur Verfügung. Als bösartig gelten Diktaturen auch dann, wenn sie zwar keine Terroristen fördern, aber doch zu expandieren trachten und bei diesen Bestrebungen Verbündete des freien Westens bedrohen. Dies war beim Irak in dem Moment der Fall, als er das ölreiche Kuwait okkupierte.
Richtet sich die Gewalt der Diktatur vornehmlich gegen die Opposition im eigenen Land oder gegen diskriminierte ethnische Gruppen, so führt dies aus der Sicht des freien Westens nicht notwendig zu massiver öffentlicher Kritik oder gar zur Unterstützung opponierender Gruppen. Das Eingreifen zu Gunsten der Albaner (und ihrer Guerillaorganisation UCK) lässt sich damit erklären, dass man den Serben großserbische Machtbestrebungen unterstellte und der serbischen Regierung von S. Milosevic einen Dämpfer verpassen und damit auf die mit Serbien konkurrierenden neuen Einzelstaaten des ehemaligen Jugoslawien einen stabilisierenden Einfluss ausüben wollte.
In den Ruf, eine bösartige Diktatur zu sein, kann ein Land auch dann noch gelangen, wenn die Verfolgten als Flüchtlinge in den westlichen Staaten zum Problem werden oder wenn sie durch den Export von Drogen sich auf der Welt unangenehm bemerkbar machen. Es gibt Staaten, welche Teile der Bevölkerung brutal unterdrücken und ausbeuten und doch wenig Aufsehen erregen, weil sie nützliche Verbündete und Handelspartner des freien Westens sind. Das galt lange Zeit für Indonesien und gilt immer noch für die Türkei, dessen Militärmachthaber die Kurden mit allen Mitteln verfolgen.
Solches Sortieren in bösartige und gutartige bzw. umgängliche, kommode Diktaturen kommt für Christen nicht in Betracht. Sie müssen in erster Linie auf die Leidtragenden und den Charakter der Menschenrechtsverletzungen achten. Dabei können sie unter Umständen die guten Beziehungen ihrer Regierungen zu den Machthabern nutzen, um Verfolgte zu unterstützen. So haben zum Beispiel die Peace Brigades International bei ihrem (unbewaffneten) Begleiten von bedrohten Einheimischen es sich zu Nutze gemacht, dass die Herrschenden es mit den Herkunftsländern der Peace Brigades durch das Ermorden dieser Begleiter nicht verderben wollten.
Selbständige Beobachtungen
Manche dieser Diktatoren sind auch daran interessiert, Touristen ins Land zu locken, was zur Folge hat, dass Sympathisanten und Helfer der einheimischen Opposition im Rahmen des offiziell erwünschten Tourismus eine gewisse Bewegungsfreiheit und Sicherheit vor Repressalien genießen. Wer in der DDR befreundete Christen oder Partnerkirchengemeinden besuchen wollte, trug auf seinem Einreisedokument "Tourist" ein und - sofern er nicht bei oppositionellen Gruppen auftrat - konnte er regelmäßig einreisen und sich aus erster Hand informieren. Da ich wusste, dass der Staatssicherheitsdienst mich im Auge hatte, hielt ich mich an die Spielregeln für Touristen. Mir scheint die Reisefreiheit für ausländische Touristen beim Beschaffen zuverlässiger Informationen über den Charakter eines Regimes ein ganz wichtiger Faktor zu sein. Solche persönlichen Eindrücke können Klischeevorstellungen vom Charakter einer Diktatur entgegenwirken. Die bloßen Wellness-Touristen, die keine einheimischen (oppositionellen) Gesprächspartner suchen, sind aber nicht davor gefeit, bei der Rückkehr ein verharmlosendes Bild der Diktatur zu zeichnen. Wer auf einen Dampfer den Nil bereist oder am Roten Meer badet, wird über den Charakter der Militärdiktatur Mubaraks nichts erfahren. Wer Berlin 1936 zur Zeit der Olympiade besuchte, konnte schwerlich das Ausmaß der Verfolgung von Gegnern des Regimes und von diskriminierten Gruppen erkennen. Das galt in der DDR auch für Gruppen aus der Bundesrepublik, die sich offiziell zur Freundschaftsbesuchen einladen ließen.
Welche Fülle von Informationen und auch welch realistisches Bild einer Diktatur durch vielfältige "touristische" private Kontakte zusammengefügt werden können, ist am Beispiel der DDR gut zu beobachten. Zum gewaltlosen Übergang von der Diktatur zur Demokratie in Zeiten der Wende hat es meines Erachtens wesentlich beigetragen, dass es auch in der Bundesrepublik ein einigermaßen realistisches Bild der DDR und umgekehrt in der DDR auch von der BRD gab. Wir haben über die Informaionsdefizite geklagt, und es hat nach der Wende vielfältige Bemühungen gegeben, diese Defizite rasch auszugleichen. Wieviel wir aber doch über die DDR wussten, wird deutlich, wenn wir uns fragen, was wir über andere Länder, in die deutsche Soldaten geschickt werden, wissen. Wenn jetzt alle hier im Bonatz-Turm Anwesenden ihr Wissen über den Irak zusammentragen und aufzeichnen würden, dann kämen wahrscheinlich nur einige sehr allgemeine Grundinformationen, aber keine Einzelheiten über Land und Leute zusammen.
Ich würde gerne das Tagebuch eines Europäers oder Amerikaners lesen, der in den letzten Jahren durch den Irak gereist ist und den dortigen Alltag beobachtet hat. Es gibt im Irak christliche Gemeinden, die sich anscheinend nicht ständig verfolgt fühlen und nun Angst haben vor einem Krieg - und vielleicht auch vor dem Regime Saddam Husseins. Was wissen wir denn über die Menschen im Irak? Fast nichts! Wir sehen immer nur die Bilder des irakischen Fernsehens, das Saddam Hussein mit seinen Generalen am Kabinettstisch zeigt, wie sie die Anordnungen des Diktators mitschreiben. Ich habe mal zufällig in einem TV-Weltspiegel einen kurzen Bericht vom Besuch des Kamerateams bei einer irakischen christlichen Gemeinde gesehen. Die amerikanischen Pazifisten wissen besser Bescheid als wir Deutschen. Als wir im August 2001 auf den Spuren Martin Luther Kings durch die USA reisten, ist mir aufgefallen, dass unsere friedenskirchlichen Gesprächspartner sich allesamt für eine Aufhebung der wirtschftlichen Sanktionen gegen den Irak aussprachen, weil diese in erster Linie die kleinen Leute und nicht die Clique um Saddam Hussein träfen.
Wenn man eine Aussage machen wollte über die Chance, mit gewaltfreien Mitteln auf kurz oder lang die Diktatur im Irak zu überwinden, müsste man viel mehr über den Irak wissen. Nach meiner Erfahrung kann man von außen nur ganz schwer beurteilen, was jeweils getan werden kann, um den Druck einer Diktatur zu lockern oder eines Tages das Joch abzuschütteln.
Vom Entdecken der Freiräume
Es gibt innerhalb einer jeden Diktatur gewisse Freiräume, die es Menschen gestatten, einermaßen herrschaftsfrei miteinander zu kommunizieren. Der Alptraum, den George Orwell in "1984" gezeichnet hat, ist noch nie Realität gewesen und wird es auch nie werden, weil es diese umfassende Kontrolle der Sprache des Menschen gar nicht geben kann.
Die Regierung der DDR hat einige Sprachregelungen durchgesetzt und die DDR-Bürger haben das Idiom gelernt. Das heißt, sie konnten sich liniengetreu ausdrücken, aber daneben haben sie ihre eigene Sprache gesprochen, und die DDR hat trotz ihrer repressiven Kulturpolitik eine Literatur hervorgebracht, die an sprachlicher Qualität der westdeutsche, österreichischen und schweizerischen nicht nachsteht. Die jeweils Besten hatten auch untereinander Kontakt, und das Streben nach Frieden brachte sie 1982 dann auch an einen Tisch.
Solch eigenständiges Sprechen und Schreiben gibt es auch in anderen Diktaturen. Nur wissen wir sehr wenig darüber. Große Verwunderung hat ein Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 30.10.2001 über einen Besuch von Adolf Muschg, Hans Magnus Enzensberger und Raoul Schrott in Schiras im Iran hervorgerufen, wo man sich am Grabe des Dichters Hafis versammelte, um dort Rosen niederzulegen, aber auch um sich auszutauschen. Der Iran gehört - laut Präsident Bush - auch zur "Achse des Bösen". Und wie steht es in dieser Hinsicht mit dem Irak? Gibt es dort keine Schriftsteller? Sind sie alle im Exil oder unterdrückt? Gibt es ein Samisdat wie in der UdSSR? Wir wissen es einfach nicht. Doch wir beobachten, wie unsere Verbündeten, die USA und Großbritannien, sich auf einen Krieg vorbereiten und man hört, dass die Geheimdienste mit ihren Versuchen, einen Umsturz zu fördern, erfolglos waren. Das muss aber nicht heißen, dass es keine interne Opposition gibt. Diese wird sich wahrscheinlich hüten, mit dem CIA zu kooperieren. Die Stärke der kirchlichen deutsch-deutschen Partnerschaftsarbeit war gerade, dass sie wirklich kirchlich war und kein Geheimdienst sie steuerte.
Die USA und Großbritannien setzen jetzt auf Krieg und Sieg über Hussein. Ich fürchte, sie werden einen Anlass finden oder produzieren, um den Krieg beginnen zu können. Erforderlichenfalls lassen sie auch das eine oder andere Aufklärungsflugzeug von irakischen Boden-Luft-Raketen abschießen. Vielleicht erinnert man sich dann an den sogenannten Tonking-Zwischenfall, den der amerikanische Präsident zum Anlass nahm, gegen Nordvietnam in großem Umfang Krieg zu führen.
Die poetische Methode
Wir können unseren Informationsdefiziten nicht flächendeckend, global abhelfen. Doch wir müssen zumindest unser Nichtwissen eingestehen und uns Gedanken darüber machen, wie ein Reisebericht aus einem solchen Land - einschließlich Regimekritik aus der Untertanenperspektive - aussehen müsste. Meine beiden letzten Projektkurse am Otto Suhr Institut befassten sich mit Reiseberichten großer deutscher Schriftsteller aus Krisengebieten. Mich hatte zu diesen Seminaren herausgefordert, dass Peter Handke seine umstrittenen, medienkritischen Reiseberichte aus Jugoslawien als "Friedenstexte" bezeichnet hatte, und ich hatta ja auch selbst einige Erfahrungen gesammelt mit Tagebuchaufzeichnungen in Litauen und Lettland, in Ägypten, in Israel und im Westjordanland und in Indien. Ich habe meine Erfahrungen den Kollegen in der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung vorgetragen - unter dem Stichwort "poetische Methode".(32)
Der springende Punkt bei diesen Reiseberichten ist, dass man beschreibt, was man wirklich sieht und hört, also selbst mit seinen fünf Sinnen wahrnimmt, und es weitgehend vermeidet, sofort mit ein- oder zuordnenden Begriffen alles zu sortieren, was erfahrungsgemäß bedeutet, es den gängigen Klischees einzufügen. Handke hat die Berichte vieler Journalisten aus Krisengebieten als Verstärkung vorgefasster Urteile empfunden. Er bezeichnete die auswählenden Informationen, die Feindbilder schufen, als "Tendenzkartätschen". Man kann mit der poetischen Methode nicht den einen, richtigen, ein Gesamtbild ermöglichenden Bericht verfassen. Doch man kann sich um den fragenden Blick, um Wahrhaftigkeit und das jeweils neue, treffende Wort bei der Aufzeichnung bemühen. Wenn man dann mehrere solche Berichte nebeneinander liest, kann man sich ein Bild des Landes machen, vor allem dann, wenn man zusätzlich auch einheimische Literatur zu Gesicht bekommt. Doch die einheimische Literatur zu verstehen und das heißt richtig zu interpretieren, was zwischen den Zeilen steht bzw. sich als Code durchgesetzt hat, ist schwierig. Häufig wird es darum leichter sein, den Bericht eines deutschen Schriftstellers zu verstehen, der sich in dem Landes auskennt, aber auch unsere Lesegewohnheiten einzuschätzen vermag.
Briefmarken im Widerstand
Über die konkreten Möglichkeiten, in einer Diktatur gewaltfreien Widerstand zu leisten, kann ein Außenstehender nur ganz schwer etwas sagen. Damit Widerstand zu Stande kommt, gilt es ganz spezielle Bedingungen einfallsreich zu nutzen. Ich will von einem Fall von Widerstand, genau gesagt von nicht systemkonformer, origineller Information berichten.
Georg Meusel, während des Zweiten Weltkriegs geboren, Sohn eines Pfarrers und als solcher zum Abitur nicht zugelassen, wurde Gärtner und Betriebselektriker und sammelte in seiner Freizeit Briefmarken. Im übrigen war er Kriegsdienstverweigerer und sogenannter Bausoldat. Er war über Gandhi und Martin Luther King und die Methoden der gewaltfreien Aktion gut informiert und er wollte dieses Wissen weitergeben. Er tat es in Form einer Briefmarkenausstellung über M. L. King, der in der DDR auch bei der Regierung - besonders bei der Ost-CDU, aber auch bei der Evangelischen Kirche - ein großes Ansehen genoss. Diese Briefmarkenausstellung machte er durch Anordnung und Kommentierung zu einem kleinen Lehrbuch des gewaltfreien Widerstands. Meusel verstand sein philatelistisches Handwerk, und die Werdauer Philatelisten im Kulturbund der DDR waren stolz auf dieses Exponat, und in Ungarn bekam Meusel sogar einen Preis für sein Werk. Ein Orden der DDR konnte da nicht ausbleiben. Meusel blieb bei dieser philatelistischen Methode, um auch über die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung und des Ersatzdienstes als Bausoldat zu informieren. Dazu gab es nun aber keine Briefmarken. Doch - und dies war mir neu - es kommt unter Philatelisten gar nicht auf die Briefmarken an, sondern auf den Briefumschlag mit Adresse und Stempel. Hast du also einen entsprechenden Umschlag mit der Anschrift eines Bausoldaten, kannst du im Begleittext als Philatelist alles Erforderliche erzählen, was Schorsch Meusel denn auch besorgte.
Die Stasi war von diesem findigen Briefmarkensammler und Philatelisten weniger begeistert und legte unter dem Kennwort "Marder" eine Akte an, die immer dicker wurde. Meusel wurde schikaniert, aber er bewegte sich sehr geschickt gerade noch unterhalb der Toleranzschwelle des Regimes. Er organisierte mit anderen in Königswalde die DDR-weit bekannten Königswalder Friedenstage - in kirchlichen Räumen.
Ich habe diese Geschichte erzählt, um deutlich zu machen, dass intime Kenntnisse der (vermutlichen) Toleranzgrenzen und Spielräume in einer Diktatur von Nöten sind, um etwas Oppositionelles bzw. Aufklärendes zu unternehmen. Auf eine Martin Luther King Briefmarkenausstellung wären westdeutsche Forscher auf dem Gebiet des gewaltfreien Widerstands nie und nimmer gekommen. Ich hatte allerdings früh von Meusels Vorhaben erfahren, aber es nicht öffentlich gelobt, um das Unternehmen nicht in ein falsches, westdeutsches Licht zu rücken.
Ich habe diese Geschichte auch erzählt, um deutlich zu machen, was von der Aussage "Da hilft nur noch Gewalt!" (so ein "Spiegel"-Titel über Lateinamerika) zu halten ist. Im Ausland, manchmal schon in einem anderen Landesteil, sogar im Nachbarort kann man schwer beurteilen, welche gewaltfreien Aktionen möglich sind und nicht sofort unterdrückt werden und welche eventuell sogar Erfolg versprechen.
Anmerkungen
1 Gene Sharp: From Dictatorship to Democracy. A Conceptual Framework for Liberation, Boston: The Albert Einstein Institution, 1993, 77 Seiten
2 Th. Ebert: Was tun gegen Diktaturen? Nachwort. In: R. Italiaander (Hg.): Diktaturen im Nacken, München 1971, S. 331-351
3 Zur Problematik der Wenn-Fragen und der Möglichkeit einer "entfatalisierten Betrachtungsweise" siehe die methodischen Reflexionen von Vladimir Horsky: Prag 1968. Systemveränderung und Systemverteidigung, Stuttgart u. München 1975, S. 356-375
4 So hat er unter den Vikaren in Zingst und Finkenwalde für seinen aus den USA mitgebrachten und von Jean Lassere geförderten Pazifismus nicht von vornherein Verständnis gefunden. Eberhard Bethge berichtet, dass die Vikare in Zingst am 1. Mai 1935 im Rundfunk Hitlers Ankündigung des neuen Wehrgesetzes gehört hätten. "Sie überlegten, wann es an sie käme, die Uniform anzuziehen. Die meisten freuten sich darauf und ahnten noch gar nicht, wie ihrem Direktor dabei zumute war... Der Wunsch war damals in der Bekennenden Kirche verbreitet, aus den eigenen Reihen möglichst viele Reserveoffiziere zu stellen..."(E. Bethge: Dietrich Bonhoeffer. Theologe, Christ, Zeitgenosse, München 1983, S. 494
5 Kirche und Völkerwelt. In: Dietrich Bonheoffer: Predigten - Auslegungen - Meditationen. I. 1925-1935, München 1984, S. 461-464
6 Ich spreche hier von "Erfolg" und nicht von "Sieg", weil es beim gewaltfreien Widerstand keine Sieger und Besiegten gibt, sondern eine neue Lage, in der auch die bisherigen Unterdrücker zumindest annehmbare Korrekturen für ihr weiteres Leben antreffen.
7 Martin Niemöller: Dahlemer Predigten 1936/37. Mit einem Vorwort von Thomas Mann, München: Kaiser, 1981
8 Brief vom 14. Oktober 1934. In: Bonhoeffer-Auswahl 3. Entscheidungen 1936-1939, hg. von Otto Dudzus, Gütersloh 1970, S. 33-36
9 Hans Lamm (Hg.): Mahatma Gandhi und Martin Buber: Juden, Palästina und Araber. Vom Gestern zum Morgen, Band 4, München: Ner-Tamid-Verlag, 1961
10 Nur in den Niederlanden ist nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten von Pazifisten einigermaßen systematisch über den gewaltlosen Widerstand als ausschließliches Mittel der - wie sie es nannten - "pazifistischen Volksverteidigung" nachgedacht worden. Gernot Jochheim hat in seiner Dissertation über die Entwicklung der Theorie der gewaltlosen Konfliktaustragung in den Niederlanden diese Traditionslinie verfolgt und die Schrift "Pazifistische Volksverteidigung" im Rahmen einer Schrift über die Soziale Verteidigung dokumentiert. (G. Jochheim: Soziale Verteidigung. Verteidigung mit einem menschlichen Gesicht. Eine Handreichung, Düsseldorf: Patmos, 1988, S. 92-99)
11 Einen vorzüglichen Überblick bietet Werner Rings: Leben mit dem Feind. Anpassung und Widerstand in Hitlers Europa 1939-1945, München: Kindler, 1979. Zum Widerstand in den besetzten Gebieten siehe Jacques Semelin: Ohne Waffen gegen Hitler. Eine Studie zum zivilen Widerstand in Europa. Aus dem Französischen von Ralf Vandamme, Frankfurt a.M.: dipa Verlag, 1995
12 W. Jacobmeyer: Widerstand und nationale Selbstbehauptung gegen die deutsche Besatzungsherrschaft im Zweiten Weltkrieg in Polen. In: Gewaltfreie Aktion, 71/72, 1987, S. 60
13 München: Kaiser, 1956 (Paris 1953)
14 "Anders als die zweifellos integre Ernsthaftigkeit vieler junger Theologen am 'Unionn [Theological Seminary]' konfrontieree Lassere Bonhoeffer mit einem Gehorsam gegen das Friedensgebot Jesu, wie er diesem bisher nirgends begegnet war. Nicht, dass Bonhoeffer alsbald zum grundsätzlichen Pazifisten geworden wäre - das ist er eigentlich nie geworden! -, aber was es mit der konkreten Antwort auf das biblische Friedensgebot und mit konkreten Schritten gegen Kriegsanstrengungen auf sich hatte, das hat ihn seit dieser Begegnung nicht wieder losgelassen." (E. Bethge: Dietrich Bonhoeffer, a.a.O., S. 190
15 Aufschlussreich war für mich der Versuch Christfried Bergers die Situationsethik Bonhoeffers im Blick auf das Kriegsproblem in Etappen darzustellen, beginnend mit seinem fast noch völkisch zu nennenden Vortrag "Grundfragen einer christlichen Ethik" am 25.1.1929 in Barcelona, der wahrscheinlich mit Rücksicht auf die Jugend des Verfassers und die Abhängigkeit von zeitgenössischem 'deutschem' Denken zunächst nicht in die Gesammelten Schriften aufgenommen worden war. Christfried Berger: Krieg, Kriegsdienst und Kriegsdienstverweigerung bei Dietrich Bonhoeffer dagestellt im Zusammenhang seiner Situationsethik, Brandenburg: Evangelisches Predigerseminar, Herbst 1962, 141 S., unveröffentlichtes Manuskript
16 Ähnliches gilt für Albert Einsteins Entscheidung, nach der Machtergreifung der Nazis im Jahre 1933 in den Anrainerstaaten Nazi-Deutschlands nicht länger die Kriegsdienstverweigerung zu empfehlen. Nach Kriegsbeginn hat er sogar den Bau der Atom-Bombe durch einen Brief an den amerikanischen Präsidenten angeregt. Diese Grundsatzentscheidung hat er nach 1945 revidiert zugunsten der Entwicklung der gewaltfreien Konfliktaustragung. Die Albert Einstein Institution in Boston ist in den USA die wichtigste Forschungseinrichtung für gewaltfreie Konfliktaustragung.
17 Zumindest hätte dies das Ergebnis der Reise sein können. Mir sind keine Aufzeichnungen bekannt, aus denen deutlich hervorginge, mit welchen Erwartungen und Arbeitsplänen Bonhoeffer nach Indien gereist wäre.
18 Vgl. auch Wolfgang Huber: Dietrich Bonhoeffers "Ethik" im Kontext seiner und unserer biographischen Erfahrung. Seminargespräch mit Eberhard Bethge (1982). In E. Bethge: Bekennen und Widerstehen. Aufsätze. Reden. Gespräche, München: Kaiser, 1984, S. 200-227
19 Zu den Problemen der Gruppendynamik beim Einüben des gewaltfreien Widerstands siehe: Th. Ebert: Ziviler Friedensdienst - Alternative zum Militär. Grundausbildung im gewaltfreien Handeln, Münster: Agenda, 1997
20\h Zur Entstehung siehe das Nachwort von Eberhard Bethge zu D. Bonhoeffer: Gemeinsames Leben, München: Kaiser 1982, S. 106-113
21 Vgl. Bart de Ligt: The Conquest of Violence. With an Introduction by Aldous Huxley, London: George Routledge, 1937
22 Ich sage dies auch aufgrund meiner eigenen Eindrücke von Gandhis Ashram in Sevagram im Jahre 1997 und verweise dazu auf mein unveröffentlichtes, ausführliches Reisetagebuch und einen zusammenfassenden Bericht in Th. Ebert: Opponieren und Regieren mit gewaltfreien Mitteln. Pazifismus, Bd. 1, Münster 2001, S. 39-70
23 Vgl. Beate Jahn: Politik und Moral. Gandhis Herausforderung für die Weimarer Republik. Kassel: Weber, Zucht & Co, 1993
24 E. Bethge: Dietrich Bonhoeffer, a.a.O., S. 753-754
25 Siehe Gene Sharp: Gandhi as a Political Strategist with Essays on Ethics and Politics, Boston: Porter Sargent Publishers, 1979
26 Mahatma Gandhi: Jung Indien. Aufsätze aus den Jahren 1919 bis 1922. Auswahl von Romain Rolland und Madeleine Rolland, Zürich 1924
27 Eberhard Röhm: Sterben für den Frieden. Spurensicherung: Hermann Stöhr (1898-1940) und die ökumenische Friedensbewegung. Stuttgart: Calwer Verlag, 1985
28 E. Bethge: Der Weg vom "Pazifismus". Gewaltlosigkeit und Gewalt im Tun und Denken Dietrich Bonhoeffers (1980). In: ders.: Bekennen und Widerstehen. Aufsätze. Reden. Gespräche, München: Kaiser, 1984, S. 107
29 Der Fehlschlag des versuchten Staatsstreich am 20. Juli 1944, die anschließende Verfolgung der Attentäter und ihrer Familien und die Institutionalisierung der Gedenkfeiern im Zuge der Legitimierung der Bundeswehr hat die Frage nach dem weiteren mutmaßlichen Verlauf des Staatsstreichs nach einem gelungenen Attentat auf Hitler weitgehend verdrängt.
30 Th. Ebert: Abraham Johannes Muste (1885-967). In: Hans Jürgen Schultz (Hg.): Liebhaber des Friedens, München: dtv, 1989, S. 74-85
31 Gernot Jochheim: Frauenprotest in der Rosenstraße, Berlin 1993.
Nathan Stoltzfus: Widerstand des Herzens. Der Aufstand der Berliner Frauen in der Rosenstraße - 1943. Aus dem Amerikanischen von Michael Müller. München: Hanser 1996
32 Th. Ebert: Die poetische Methode und ihre Grenzen - oder Peter Handkes Reiseberichte aus Jugoslawien als Friedenstexte. In: Ulrich Albrecht / Jörg Becker (Hg.): Medien zwischen Krieg und Frieden. Jahrbuch der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung, Band 29, Baden-Baden: Nomos, S. 247-266